Welcher Weg führt nach Rom?“ – Erinnerungen an eine legendäre Schachpartie

(Ein Bericht von Reiner Klüting, 21. 4. 2020)

 

Unser erster historischer Streifzug führt uns in das Jahr 1977, dem Geburtsjahr unseres jetzigen Vorsitzenden Andreas Jagodzinsky. Am 20. 11. 1977 wurde im damaligen Vereinslokal, Gaststätte (und Hotel) Lindenhof die wohl längste (zumindest zeitlich längste) Partie der Vereinsgeschichte zwischen Graf (SV Gevelsberg) und Andreas Reinhardt am 5. Brett in der Verbandsklasse gespielt. Bei diesem Bericht greife ich auf viele detailreiche Erinnerungen von Andreas zurück.

Die Aufstellung der ersten Mannschaft war damals folgende:

  1. Hans Walter

  2. Wilfried Sirringhaus

  3. Herbert Cloosters

  4. Rudi Schumacher

  5. Andreas Reinhardt

  6. Reiner Klüting

  7. Curt Kleinmichel

  8. Alfred Wolschendorff (damaliger Vorsitzender des Vereins)

Nach einem Start mit 2 Siegen gegen Arnsberg (7-1) und Schwerte (wie zu allen Zeiten hart umkämpft, 4,5-3,5), ging es darum, den Spitzenplatz zu verteidigen. Üblicherweise wurde in der dritten Runde und am letzten Spieltag bis zur Entscheidung gespielt, d. h. „Hängepartien“ waren nicht gestattet.

Für unsere jüngeren Leser/Innen sei ein kurzer Exkurs erlaubt. Bis Mitte der 90er Jahre (s. hierzu auch einen Wikipedia-Artikel zum Begriff ‚Hängepartie‘) wurde nach 5 Stunden Spielzeit (Modus: 50 Züge mit 2,5 Stunden Bedenkzeit, danach 20 Züge mit je einer Stunde Bedenkzeit usw.) die Partie unterbrochen. Der Spieler, der am Zug war, notierte seinen nächsten Zug, den Abgabezug, geheim und verbindlich auf seinem Partiezettel, der zusammen mit dem Partieformular des Gegners in einen Umschlag gesteckt wurde. Auf dem Umschlag wurden verbrauchte Bedenkzeiten, evtl. Remisangebote, Stellung und Zeitpunkt/Ort der Wiederaufnahme der Partie notiert. Direkt danach fand eine sogenannte „Abschätzung“ der Partie unter Beteiligung beider Mannschaftsführer und mitanalysierender Spieler statt. Erwies sich das Ergebnis dieser Abschätzung als eindeutig (mit Zustimmung beider Mannschaftsführer), trug man es gleich in die Wettkampfberichtskarte ein. Einigte man sich nicht, wurde der Verbandsspielleiter informiert, der dann über die Abschätzung entschied und den beteiligten Vereinen dies mitteilte. Wenn ein Verein nicht einverstanden war, protestierte er gegen das Abschätzungsergebnis und mußte dann zur Fortsetzung der Hängepartie eine oder zwei Wochen später zum Gegner reisen.

Zurück zum Mannschaftskampf: Wir führten 3,5 – 1,5, als Andreas Reinhardt in vorteilhafter Stellung seine Dame einbüßte. Dies veranlasste Curt Kleinmichel, der einen Bauern weniger hatte, zu der Bemerkung: „Jetzt bin ich auf einmal am wenigstens kaputt.“ Aber auch Curt konnte nicht verhindern, dass es kurze Zeit später 3,5 – 3,5 stand, während Andreas sich weiterhin zäh verteidigte. Sein Gegner unterließ manchen Mattangriff; es entstand eine Stellung mit Dame und Turm gegen 2 Türme. Im 58. Zug belohnte sich Andreas nicht für seinen aufopferungsvollen Kampf und übersah eine zwingende Remisvariante. Wenig später entstand dann das Endspiel Dame gegen Turm, dem die klassische Endspiellehre von Euwe eine ausführliche Analyse widmet.

Nachdem uns der Wirt Heinz Drees mit Hinweis auf die Öffnungszeiten bereits mehrfach ermahnt hatte, zu einem Ende zu kommen, wurde die Partie nach 10,5 Stunden um 0.30 Uhr unterbrochen. Da ihm das weitere Prozedere – nämlich die nun verpflichtend beginnende Abschätzung der Partie – nicht geläufig war, wurde er immer ungeduldiger und rief uns zu: „Ihr könnt ja auf dem Bürgersteig weiter Schach spielen!“ Seit diesem Moment etablierte sich in der studentischen Fraktion der Mannschaft für längere Zeit das geflügelte Wort „Bürgersteigschach“, das eine etwas minderwertige Spielanlage bezeichnete.

Die abschätzende Analyse nach dem Ritual der Notation des Abgabezuges durch Andreas ergab dann um ca. 1.00 Uhr eine Gewinnstellung für Graf, die vom Verbandsspielleiter als Sieg gewertet wurde. Natürlich legten wir gegen die Entscheidung Protest ein, da sich Andreas berechtigte Hoffnungen machte, die 17 noch fehlenden Züge für die 50-Züge-Regel noch zu überstehen.

In Gevelsberg kam es eine Woche später zum Showdown. Je mehr nach dem letzten Figurentausch (Schlagen eines Bauerns im 75. Zug) sich die Partie dem 125. Zug näherte, umso nervöser wurde Graf. Zwischendurch murmelte er – ganz im Sinne der Euwe-Analyse – „Welcher Weg führt denn nach Rom?“ Wir wissen nicht genau, ob er dieses Standardwerk von Euwe kannte oder diese Bemerkung nur eine kurios-zufällige Übereinstimmung mit dem Hinweis von Euwe zu diesem speziellen Endspiel war:

Der Leser wird vielleicht Zweifel hegen, ob er überhaupt imstande sein wird, ein Dame-Turmendspiel zum Erfolg zu führen. Er möge aber bedenken: einmal führen viele Wege nach Rom, beinahe alle…“ (Sammelband Max Euwe, Das Endspiel, Hamburg 1958, Bd. 4, Figuren gegen Figuren I, S. 44)

Auf jeden Fall hatte Andreas bei seiner Vorbereitung auf die Fortsetzung der Hängepartie auch diese Analyse von Euwe studiert.

Als Andreas den 124. Zug ausführte, sprang Graf wie von einer Tarantel gestochen auf und rief: „Du hast vergessen, ‚Remis‘ zu beanspruchen! Jetzt beginnt die 50-Züge Regel von neuem!“ Der gegnerische Mannschaftsleiter und unser Mannschaftsführer Wilfried Sirringhaus verdrehten die Augen und schüttelten den Kopf. Als besonderen Gag führte Andreas seinen 124. Zug aus und reklamierte nach Grafs 125. Zug eine dreimalige Stellungswiederholung.

Somit endete nach insgesamt 11,5 Stunden Spielzeit diese legendäre Partie, die uns ein 4-4 rettete und am Ende der Saison souverän mit 13 – 1 Punkten in die Verbandsliga aufstiegen ließ.

 

Übrigens: Die vermutlich zeitlich zweitlängste Partie (9 Stunden, 87 Züge) wurde 1984 - auch in einem Mannschaftskampf – von unserer Schachlegende Hans Walter bestritten.

 

Hier geht es, genau wie an der rot markierten Stelle zur Partie...


Die Geschichte ist eine Mühle, worin die Lebendigen zu arbeiten glauben, die Geister aber die Arbeit verrichten. Wie sich die übermütigen Zwerge, die im Sonnenschein herumhüpfen, auch anstrengen mögen, die toten Riesen, die aus der Ewigkeit in unermeßlichem Zuge hervorschreiten, machen sie zu unnützen Knechten und schauen mitleidig auf ihr Gezappel herab.“ (Friedrich Hebbel)

 

Vereinsgeschichte

(Einige Bemerkungen zur neuen Rubrik von Reiner Klüting, 14. 4. 2020)

 

Der SV Hemer feiert in 2 Jahren sein 90jähriges Jubiläum und hat in seiner Vereinsgeschichte Höhen und Tiefen erlebt. Gegenwärtig erleben wir sicherlich einen herausragenden Höhepunkt mit dem Aufstieg der Frauenmannschaft in die Bundesliga. Der größte und gefährlichste Gegner von möglichen weiteren Aufstiegen in dieser Saison wäre das Coronavirus, das einen vorzeitigen Saisonabbruch ohne Auf- und Abstiege verursachen könnte. Kleiner Trost: Wenigstens unsere 2. Jugend- und 3. Seniorenmannschaft könnten hiervon profitieren.

Diese Rubrik möchte an interessante Ereignisse und Erlebnisse sowohl aus der älteren als auch der jüngeren Vereinsgeschichte erinnern, wobei auch Raum für kleinere Anekdoten (incl. Schachsprüche und –Zitate) geschaffen werden soll. Jedes Vereinsmitglied und natürlich auch Exmitglieder und Freunde des Vereins könnten hier kurzweilige Beiträge veröffentlichen. Sicherlich werden auch manche Beiträge an dieser Stelle für Überraschungen sorgen, die ich natürlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht verraten werde…

Ein besonderer Dank geht vorab an Andreas Reinhardt, der sehr viele Zeitungsartikel gewissenhaft gesammelt hat und dem Verein zur Verfügung gestellt hat. So wird mancher Bericht aus den Informationen dieser Zeitungsartikel generiert werden können. Zudem kam durch das Lesen von einigen Artikeln manche vergessene Erinnerung zurück ins Gedächtnis.

Das Schachspielen im Internet (incl. der gerade beendeten spannenden Vereinsmeisterschaft) hilft uns, die größere Zwangspause des Spielbetriebs zu überstehen, so dass folgendes, zugegebenermaßen pathetisches Zitat (1924) von Massimo Bontempelli, gefunden in der „Schachphilosophie“ von Josef Seifert (Darmstadt 1989, S. VII) zutreffen könnte:

 

„…wenn die Welt ins Chaos zurücksinken…wird, wird das Schachspiel bleiben,…Denn dieses Spiel hat an der Ewigkeit der Ideen teil.“