50 Jahre Städtefreundschaft mit Eupen

Teil 2

(ein Bericht von Reiner Klüting mit Informationen und Fotos von Dieter Plumanns und Günter Delhaes, 3. 5. 2021)

 

Der zweite Teil des Berichts beginnt mit 2 Fotos aus den 70er Jahren, die mir dankenswerterweise Günter Delhaes zur Verfügung gestellt hat. Das erste Foto zeigt eine Gruppenaufnahme unserer Schachfreunde vom SK Rochade 1958 Eupen, das zweite die Mannschaft des SV Hemer 1932 beim Sieg des ersten Städte-Turniers im September 1974 in Eupen. (Der IKZ-Zeitungsartikel hierzu wird demnächst in der Homepage-Rubrik „10-Städte-Turniere“ eingestellt werden.)

Eupener Gruppenfoto:

stehend von links: Günter Delhaes, Joseph Pluymen, Gerd Weiss, Georges Demonceau, Dieter Plumanns, Heinz Gründling, Bernd Loo, Norbert Bergmanns, Ralph Breuer, Erich Koep, Jürgen Groffy

Sitzend von links: Eugen Weiss, Werner Paulus, Ernst Reuter, Peter Mecking

 

Hemer:

von links: Alfred Wolschendorff, Heinz Ahrens, Hans Walter, Norbert Romanski, Wilfried Sirringhaus, Andreas Reinhardt, Heinz Scholly, Peter Borchert

 

Von dem Eupener Foto möchte ich 4 sehr starke Spieler herausstellen, die alle (!) belgische Jugendlandeseinzelmeister bzw. Landesvizemeister geworden sind: Dieter Plumanns Landesvizemeister der Schülerklasse 1969 in Bredene, Bernd Loo 1972 Landesmeister in Brügge, Ralph Breuer Landesmeister 1977, Norbert Bergmanns Landesmeister 1979.

Wie mir Dieter Plumanns mitteilte, gab es früher in Belgien 3 Jugendklassen:

a) Kadetten bis 15 J.

b) Schüler von 15 bis 18 J.

c) Junioren von 18 bis 21 J.

Im Vergleich hierzu gab es damals in Deutschland eine Zweiteilung: Schüler bis 16 J. und Jugend 16 bis 21 J.

Dieter Plumanns hat neben der belgischen Vize-Landesjugendeinzelmeisterschaft 1969 und zahlreichen Vereinstiteln (darunter 4mal hintereinander Vereinsmeister von 1975 – 1978) viele Turniere gewonnen (mehrfach das Reiner-Sistenich Turnier); als Blitzspezialist (1987 Verbandsblitzmeister) holte er stets hervorragende Platzierungen in den Endrunden der internationalen Blitzturniere des Palmsonntagswochenende ‚Wanderpokal der Ostkantone‘.

 

Bernd Loo holte nach dem nationalen Einzeltitel 1972 zusammen mit Norbert Bergmanns 1973 den Vize-Landesmeistertitel. Auch er gewann viele Turniere und wurde 1993 als Sportler des Jahres ausgezeichnet.

 

Norbert Bergmanns, der ebenfalls viele Turniere in seiner Schachlaufbahn gewonnen hat, erreichte nach seinem nationalen Einzeltitel bei der Jugend-WM in Graz 1979 einen sehr guten 16. Platz bei 40 Teilnehmern.

Ralph Breuer gewann 1977 die Landesmeisterschaft der Kadetten in Ostende und belegte einen beachtlichen 28. Platz bei der anschließenden Kadetten-WM in Nizza 1978. Natürlich holte auch er viele Turniersiege.

Alle vier waren lange Stammspieler der ersten Mannschaft. Insbesondere Dieter Plumanns und Norbert Bergmanns spielten auch in der 1. belgischen Division recht erfolgreich.

Die Chronik des Turniers „Wanderpokal der Ostkantone“, 1961 – 1973, habe ich der Jubiläumsschrift des SK Rochade 1958 Eupen von 1974 entnommen (siehe Chronik- Datei). Aus aktuellem Anlass (siehe Ausfall des beliebten 10-Städte-Turniers in Wirtzfeld 2020 wegen der Coronakrise) gehe ich mit einem etwas längeren Exkurs sowohl in das Jahr 1962 zurück, in dem das Eupener Turnier terminlich verlegt werden musste, als auch in das Jahr 1970 nach Wickede-Wimbern, nicht unweit von Hemer entfernt. Beide Regionen hatten mit der Pockenepidemie zu kämpfen. Als lesenswerte Quellen empfehle ich den Wikipedia-Artikel „Pocken“ und die im Netz veröffentlichte PDF-Datei der medizingeschichtlichen Dissertation von Lena Maria Elisabeth Lindner (genauere Quellenangaben siehe unten am Ende dieses Berichtes), aus denen ich im folgenden einige Punkte zusammengefasst habe.

Nach dem deutsch-französischen Krieg hatten die Pocken (DNA-Viruserreger Variola vera) als ‚Kriegsseuche‘ 1870 – 1873 in Deutschland über 120000 Todesopfer gefordert. Reichskanzler Otto von Bismarck führte 1874 ein Impfgesetz ein, welches eine Erstimpfung bis zum 2. und eine Wiederholung im 12. Lebensjahr regelte. Hatte es nach dem 1. Weltkrieg 1919 in Deutschland noch ca. 5000 Erkrankungen gegeben, sank diese Zahl nach 1922 schnell. Ab 1945 war Deutschland kein Pockenepidemiegebiet mehr, bis sich im Februar 1962 die Ereignisse im Eupener und Aachener Raum entlang der deutsch-belgischen Grenze überschlugen.

Kurz vor Weihnachten 1961 hatte ein Monteur, der für seinen Betrieb in Bombay tätig war, seine Heimreise nach Lammersdorf/Kreis Monschau angetreten; er entwickelte am 5. 1. 1962 erste Krankheitssymptome, die sowohl bei der ersten ärztlichen Untersuchung als auch einige Wochen später im Hamburger Tropeninstitut (in dem er routinemäßig nach seiner Indienreise untersucht wurde) zunächst fälschlich als Windpocken diagnostiziert wurden.

Der Monteur, der 1958 und 1960 geimpft worden war, steckte seine Ehefrau und beide Kinder an; alle 4 überlebten. Insgesamt gab es 33 Infizierte mit 4 schwer Erkrankten und einem Todesfall; ca. 700 Personen waren in 20 verschiedenen Quarantänestationen und in über 50 Hausquarantänen abgesondert. Die Viren wurden nicht nur durch die aufgeplatzten eitrigen Pusteln übertragen, sondern konnten auch durch aerogene Ströme in einem Umkreis von 20-40 Metern(!) ihre infizierende Wirkung entfalten, wenn ein betroffener Erkrankter hustete. Diese extreme Reichweite war damals nicht bekannt. Bis zum 4. 2. 1962 fanden 11000 Impfungen statt. In der Nachbetrachtung stellten Ärzte einen sehr milden Verlauf der Epidemie fest.

Am 4. 2. 1962 erklärte die WHO den Kreis Monschau zum „internationalen Infektionsgebiet“; am 12. 2. 1962 zogen die Behörden entlang der belgisch-deutschen Grenze die Notbremse. In einem Telegramm aus Eupen an den Provinzgouverneur in Lüttich und an die zuständigen Minister wurde eine hermetische Abriegelung der Grenze vorgeschlagen, sowohl im Bereich Verviers als auch im wallonischen Malmedy. Am 28. 2. 1962 erfolgte aus dem Eupener Rathaus die Absage des Karnevals, der sich die gesamte Grenzregion anschloss.

Im Unterschied zur heutigen Coronapandemie, die aufgrund der Unsichtbarkeit der anfänglichen Krankheitssymptomatik nicht selten verharmlost, teilweise verleugnet wird, herrschte trotz Impfschutz (!) damals teilweise eine panische Angst vor dem sichtbaren Pockenausschlag in Teilen der Bevölkerung, die durch eine wenig aufklärende mediale Berichterstattung zusätzlich befeuert wurde.

8 Jahre später ereilte 1970 die letzte Pockenepidemie Deutschlands Wickede-Wimbern (Kreis Soest), nicht unweit von Menden im Märkischen Kreis, eine Zeitlang NRW-Corona-Hochrisikogebiet mit Ausgangssperre um 21.00 Uhr, gelegen. Ein 20jähriger Elektriker mit lückenhaftem Impfschutz (ohne Pockenschutzimpfung im Kindesalter) kehrte aus Pakistan ins nördliche Sauerland nach Meschede zurück, und wurde dort mit dem Verdacht auf Typhus in die Isolierstation eines Krankenhauses gebracht. Bis zum 15. 1. 1970 entwickelte er das Vollbild der Pocken und wurde daher in die gerade erst eingerichtete Pockenbehandlungstelle Wickede-Wimbern verlegt; er überlebte die Krankheit. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen in Meschede und Wimbern gab es 19 weitere Infektionen, die allesamt auf aerogenem Wege erfolgten. Insgesamt gab es 4 Todesfälle und 303 Menschen, die in 11 verschiedenen Einrichtungen ihre Quarantäne verbrachten. Hierbei wurden die chronisch vorerkrankten Personen im Mescheder Krankenhaus passiv immunisiert, weil ein Lebendimpfstoff für diese Gruppe zu große Risiken erwarten ließ.

Kleine historische Anmerkung zum Impfstoff: Eine erste einfache Vorstufe zur Impfung war in China und im Nahen Osten die sogenannte „Variolation“, die prophylaktische Übertragung des Pustelinhaltes von zermörserten, eingetrockneten Pockenkrusten von genesenen Pockenkranken auf andere Menschen. Schon der persische Arzt, Mathematiker, Philosoph und Jurist Avicenna (980 – 1037) hatte die Variolation durch Haut zu Haut-Übertragung oder per Inhalation des Staubes empfohlen.

Am 8. 5. 1980 verkündete die WHO, dass die Pocken „ausgerottet“ seien. Angesichts einer zunehmenden Impfskepsis und Impfzurückhaltung, die sich beispielsweise mit dem Wiederaufflackern von lokalen Masernepidemien (zuletzt München 2013 und Köln 2018) konstatieren läßt, blicke ich eher pessimistisch in die Zukunft…

 

Die Leserin und der Leser verzeihe mir bitte diese recht lange Schilderung von historischen nichtschachlichen Ereignissen, die aber beide Städte, die Region Eupen in Ostbelgien und die Region Hemer im Märkischen Kreis verbindet. Nimmt man noch die inzwischen in der Coronapandemie seit langem bestehenden „Quarantäne-Schachligen“ und andere „Online-Schachevents“ hinzu, ist dieser historische Bezug zur Pockenepidemie, der die Verschiebung des Eupener Turniers im Jahre 1962 verursacht hat, vielleicht nicht völlig fehl am Platz. Es bleibt zu hoffen, dass alle Schachfreunde baldmöglichst und natürlich gesund an die „realen“ Schachbretter zurückkehren können!

„Springen“ wir nun in das Jahr 1972 des SV Hemer 1932, in dem gleich 4 internationale Turniere in den Mittelpunkt rückten, davon 3 in Belgien: Eupen, Lüttich und Charleroi. Ausführlicher gehe ich auf das Eupener internationale Schachwochenende und auf das 1. Internationale Turnier in Hemer ein.

Bei ihrer zweiten Teilnahme in Eupen wurden die Hemeraner Schachspieler als beste Mannschaft des Eupener Turnierwochenendes ausgezeichnet. (siehe die IKZ-Zeitungsberichte vom 30. 3. und vom 4. 4. 1972)

Am Samstag holte sich in der Gruppe A die 1. Mannschaft des SV Hemer beim Schnellschach in der Besetzung Rudi Schumacher, Wilfried Sirringhaus, Hans Walter und Curt Kleinmichel hinter Dehrn den zweiten Platz. Bemerkenswert war hierbei der Sieg von Rudi Schumacher über seinen Namensvetter vom SK Eupen 47. In der Gruppe B spielte die 2. Mannschaft in der Reihenfolge Alfred Wolschendorff, Andreas Reinhardt, Heinz Ahrens und Dieter Barsch in 9 Runden hervorragendes Schach; bei 8 Siegen und einem Remis sicherte sie sich souverän den ersten Platz.

Die Jugendmannschaft der Hemeraner in der Besetzung Hans-Peter Klüting, Klaus Schreiber, Norbert Romanski und Karl-Heinz Elsweiler und die Schülermannschaft mit einem Kader von 6 Spielern sammelten in den Gruppen wertvolle internationale Turniererfahrung.

Am Sonntag drehten beide Seniorenmannschaften ihre Platzierungen vom Vortage in den Langschachpartien um: Während die 1. Mannschaft von Hemer in der Promotion A ohne Punktverlust dieses Mal vor Dehrn siegte, belegte die 2. Mannschaft hinter Deurne den zweiten Platz.

Sensationell verwies die Jugendmannschaft des SV Hemer als Gewinner der Jugendgruppe die favorisierten Mannschaften aus Den Haag auf die Plätze 2 und 3 und erhielt einen wunderschönen Wanderpreis (siehe Foto des Zeitungsartikels).

 In der Schülermannschaft erreichten wir in der Brettreihenfolge Reiner Klüting, Frank Walter, Volker Rätsch und Ingo Schneiders 2,5 von 4 Punkten und den 4. Platz unter 10 Mannschaften; wie im vergangenen Jahr kämpfte ich – dieses Mal ein schnelles Matt vermeidend – erfolgreich gegen einen Monheimer Gegner (Monheim 2). Hier siegte die 1. Mannschaft von Monheim.

 

Unser Vorsitzender Alfred Wolschendorff überbrachte Grüße von Bügermeister Meyer und überreichte dem Vereinsvorsitzenden des SK Rochade Eupen, Günter Delhaes, ein Stadtwappen von Hemer. Gleichzeitig sprach er eine Einladung zum 40jährigen Jubiläum des SV Hemer aus.

Bereits einen Monat später starteten sowohl der SV Hemer als auch der SK Rochade Eupen mit einer 8er Mannschaft bei einem internationalen Freundschaftsturnier in Lüttich; es ging um den Pokal „Tournoi du Perron“. Der „Perron“ in Lüttich (altfranzösisch: „großer Stein“), nach dem die Lütticher Schachfreunde ihr jährliches Turnier benannt haben, stellt die obere Steinsäule des Lütticher Marktbrunnens dar und gilt als Justizsymbol der mittelalterlichen Städtefreiheit. Karl der Kühne (1433 – 1477), Herzog von Burgund (siehe auch Wikipedia-Artikel) ließ nach der ‚Rebellion‘ einiger Lütticher gegen die Beschneidung ihrer bürgerlichen Rechte und Privilegien den Perron abbauen und nach Brügge versenden. Hiermit wollte er die Bewohner Lüttichs bestrafen und gleichzeitig die Inbesitznahme des Fürstentums anzeigen. Nach seinem Tod wurde der Perron 1477 zurückgegeben. Nachdem später die ursprüngliche Säule durch einen Sturm umgeworfen worden war, wurde die heutige Säule 1697 von Jean Del Cour (1627 – 1707) unter Hinzufügung der Figurengruppe der ‚3 Grazien‘ (Göttinnen der griechischen/römischen Mythologie) neu aufgebaut. Zur Zeit wird die Gruppe der Grazien im Ansembourg Museum von Lüttich aufbewahrt. Der originale Marmor wurde im 19. Jahrhundert durch Materialien wie Gips und Bruchstein ersetzt.

In diesem Turnier erreichte der SV Hemer in der Besetzung Wilfried Sirringhaus, Curt Kleinmichel, Andreas Reinhardt, Alfred Wolschendorff, Dieter Barsch, Klaus Schreiber, Karl-Heinz Elsweiler und Norbert Romanski einen beachtlichen 5. Platz. Sieger wurde Maastricht. Dieses Turnierformat von 8er-Mannschaften hatte auch Vorbild- und Initiatorfunktion sowohl für die ab 1972 beginnenden internationalen Turniere in Hemer (und zwar hier am Turniersonntag) als auch für die ab 1974 jährlich stattfindenden, sehr beliebten 8-/10-Städteturniere. Alfred Wolschendorff lud in Lüttich noch weitere Vereine für unser Jubiläumsturnier in Hemer ein.

Im Rahmen der 900-Jahr-Feierlichkeiten der Stadt Hemer (erste urkundliche Erwähnung der Stadt Hemer unter dem Namen „Hademare“) startete am Samstagmorgen des 23. 6. 1972 anlässlich des 40jährigen Jubiläums des SV Hemer dann das 1. Internationale Turnierwochenende im Soldatenheim Hemer (nach Abriss 1993 entstand hier später das Felsenmeercenter), welches mit einem Glückwunschtelegramm des damaligen Präsidenten des FIDE-Weltschachverbandes, Prof. Dr. Max Euwe, bedacht wurde. Die Schirmherren der Veranstaltung waren Oberst Tornau und Oberstudiendirektor Dr. Meyer vom Friedrich-Leopold-Gymnasium. Aus Belgien nahmen Eupen, Verviers, Lüttich, und Charleroi teil, aus Holland Bladel. Sowohl das vormittägliche Mannschaftschnellschachturnier als auch das Mannschaftslangschachturnier um den Felsenmeerpokal gewann die SG Bochum 31 vor dem SV Menden 24. Bei der Jugend siegte am Vormittag wie am Nachmittag Menden 24 vor Hitdorf. In der Schülergruppe gewann am Samstag morgen Bamberg (Rheinland) vor dem Mendener SK, am Nachmittag Monheim vor Hemer und dem Mendener SK.

 

Die Damen Ahrens, Walter und Zielert führten die aus Belgien als Begleitung ihrer Ehemänner angereisten Ehefrauen durchs Felsenmeer. Bei der samstäglichen Siegerehrung erhielten unsere Schachfreunde aus Eupen ein schönes Präsent (siehe den IKZ-Zeitungsartikel vom 27. 6. 1972 und die Fotos) von Bürgermeister Hans Meyer. Günter Delhaes, seit 1972 Träger der Silbernen Vereinsnadel des SV Hemer, erwiderte diese Ehrung damit, dass er mit der Übergabe einer Ehrenurkunde und einem Bild aus Eupen Bürgermeister Meyer zum ersten ausländischen Ehrenmitglied des SK Rochade Eupen ernannte. Mit einem gemütlichen Beisammensein, das allen Beteiligten in sehr guter Erinnerung geblieben ist, klang der Abend aus. 

Am Sonntag wurde in der Gaststätte „Lindenhof“, wo heute das umgebaute italienische Restaurant Rocco Ligorio seine Gäste bewirtet, unter der Turnierleitung von Heinz Ahrens ein Einzelblitzturnier mit fast 90 Teilnehmern durchgeführt. Nach 2 Vorturnieren holte im Finale der Mendener Hans-Werner Ackermann den 1. Preis, gefolgt von Dieter Buchenthal und Hans-Peter Urankar aus Bochum. Auf den weiteren Plätzen folgten die Mendener Claus-Peter Levermann, Werner Nicolai und Erich Weyrauch, Dieter Becker vom SK Eupen 47 und Wilfried Sirringhaus.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Jahre 1971 und 1972 für den SV Hemer der Beginn einer intensiven Pflege von internationalen Freundschaften gewesen sind. Einen entscheidenden Anteil haben hieran die beiden Vorsitzenden Günter Delhaes vom SK Rochade Eupen und Alfred Wolschendorff vom SV Hemer. Wie 1972 beteiligte sich Hemer auch 1973 an 4 internationalen Turnieren, zunächst in Eupen, dann im Juni in Sedan, schließlich im August in Hemer und am Ende des selben Monats in Charleroi. Ein Jahr später entstand der alljährlich im September stattfindende Freundschaftsring (erst 8, dann 10 Städte) mit Vertretern aus Belgien, Frankreich, Holland und Deutschland.

Quellen:

Zur Pockenepidemie: 1. Wikipedia-Artikel „Pocken“ und „Variolation“ 2. www.grenzecho.net/33913/artikel/2020-03-31/1962-attackierten-pocken-die-region, aufgerufen am 19. 4. 2021 3. Lena Maria Elisabeth Lindner, „Ausbruch einer hochinfektiösen lebensbedrohlichen Erkrankung in Nordrhein-Westfalen. Welche Erfahrungen der Pockenausbrüche in NRW können in die heutige Zeit übertragen werden?“ – Dissertation als PDF-Datei Düsseldorf 2016, S. 83-107, aufgerufen am 19. 4. 2021

Zum „Perron“ in Lüttich: 1. Wikipedia-Artikel „Karl der Kühne“ 2. https://www.visitezliege.be/de/der-perron, aufgerufen am 19. 4. 2021 


50 Jahre Städtefreundschaft mit Eupen

Teil 1: 1971 – Der Beginn einer langen Freundschaft

(ein Bericht von Reiner Klüting mit hilfreichen Informationen von Herbert Cloosters, 3. 4. 2021)


Der SV Hemer pflegt sehr viele Freundschaften zu Schachvereinen in Deutschland und Europa, über die an verschiedenen Stellen dieser Homepage bereits berichtet wurde (siehe insbesondere die Rubriken „10-Städte-Turniere“ und „Frauenschach“).

 

Die ‚Wiege‘ der ersten internationalen Kontakte ist im belgischen Eupen zu finden, und zwar vor genau 50 Jahren am 3./4. April 1971 mit der Teilnahme des SV Hemer am Wanderpokal der Ostkantone, der regelmäßig jedes Jahr eine Woche vor Ostern seit 1961 ausgerichtet wurde. 30 Jahre später wurde dieser Wanderpokal durch das Cera Chess Open abgelöst, an dem bereits zahlreiche Großmeister aus aller Welt teilgenommen haben.

Die wechselvolle Geschichte Eupens dokumentiert ein Auszug aus dem offiziellen Gemeindemitteilungsblatt 1973 der Stadt Eupen, welcher in einer Festschrift des SK Rochade 1958 Eupen zum Internationalen Schachwochenende am 6./7. April 1974 veröffentlicht wurde (siehe Datei). Anläßlich des 300jährigen Jubiläums der Verleihung der Stadtrechte war Eupen 1974 der erste Ausrichter des internationalen Städteturniers, das bekanntlich der SV Hemer gewinnen konnte.

 

In der Mitgliederübersicht Rochade Eupens (siehe Datei) von 1974 sind auch 2 Hemeraner aufgeführt: als Ehrenmitglied der damalige Bürgermeister Hans Meyer und als spielendes Mitglied Heinz Ahrens, der auch mehrere belgische Mannschaftswettkämpfe bestritt. Viele schöne Erinnerungen an spannende Schachpartien und vor allem an gesellige Abende verbinden die Spieler des SV Hemer mit den Eupenern, für mich beispielsweise mit Günter Delhaes, Bernd Loo, Norbert Bergmans, Dieter Plumanns, Alfred Radermacher und Erich Koep.

Helga und Hans Walter pflegten eine jahrzehntelange Freundschaft mit dem Spitzenspieler des SK Eupen 47, Helmut Schumacher, den Helga Walter beim 10-Städte-Turnier 2016 in Eupen nach längerer Zeit wiedergesehen hat. Helmut Schumacher, der auch viele Jahre Präsident des SK Eupen 47 war, gewann 1969 die belgische Landeseinzelmeisterschaft und nahm für Belgien an 5 Schacholympiaden teil, zum ersten Mal in Siegen 1970, wo auch Boris Spasski und Bobby Fischer ihre Klingen kreuzten. Als Fan von Boris Spasski sah ich hier als Zuschauer eine siegreiche Zertrümmerung der damals gern von Fischer gespielten populären Grünfeld-Indischen Verteidigung.

 

Die Region Eupen ist eine Schachhochburg, in der zwei national wie international sehr erfolgreiche Vereine beheimatet sind: der KSK 47 Eynatten und der KSK Rochade Eupen-Kelmis, mit dem wir nun bereits 50 Jahre eine Städtefreundschaft pflegen.

 

Werner Paulus (siehe Mitgliederübersicht) ist seit Jahrzehnten 1. Vorsitzender des KSK 47 Eynatten, einer seit 2003 bestehenden Fusionsgemeinschaft zwischen Turm Eynatten 1974 (von Paulus mitbegründet) und SK Eupen 47, der bereits 1963 in die 1. belgische Division aufstieg und 1974 zum ersten Mal belgischer Landesmeister wurde. Auch Carmen Voicu-Jagodzinsky spielte bereits für den KSK 47 Eynatten. Der KSK Eynatten (siehe Homepage www.ksk47eynatten.be und Wikipedia-Artikel zum Verein) wurde 9 Mal belgischer Landesmeister und nimmt seit 2003 regelmäßig am European Club Cup teil. Der Mannschaftsführer ist seit vielen Jahren der 2. Vorsitzende des Vereins, Bernd Loo. Werner Paulus, selbst von Peter Godesar, dem damaligen Jugendtrainer des SK Rochade 1958 Eupen ausgebildet, hat Generationen von Jugendspielern das Schachspielen nähergebracht und ihnen eine erfolgreiche Schachkarriere ermöglicht. Die Statistik der überragenden Erfolge: 78 Jugendlandesmeistertitel, 38 Teilnahmen an Jugend-Europameisterschaften und 36 Teilnahmen an Jugend-Weltmeisterschaften.

 

Der KSK Rochade Eupen-Kelmis (s. Homepage www.skrochade.net und Wikipedia-Artikel zum Verein), 1989 durch die Fusion von SK Rochade 1958 Eupen und dem SK Kelmis entstanden, wurde zwischen 1994 und 2001 8mal belgischer Mannschaftsmeister in Folge und hat seit 1995 insgesamt 17 Mal am European Club Cup teilgenommen. Hierbei qualifizierte sich 1996 der Verein nach dem Erreichen des Finales der Vorrunde in Paris für die Endrunde in Budapest.

Seit 1968 leitete Günter Delhaes als Präsident jahrzehntelang die Geschicke des Vereins, bevor er ab 2012 von Eckhard Rößler abgelöst wurde. Günter Delhaes war ab 2008 viele Jahre Präsident des Königlichen Schachbundes Belgien; zusätzlich engagierte er sich ab 2014 in der Eventkommission der Europäischen Schachunion und seit 2018 auch in der Eventkommission der FIDE. Zusammen mit unserem damaligen 1. Vorsitzenden Alfred Wolschendorff war er Hauptinitiator des 8-Städteringes (ab 1980 10 Städte), der seit 1974 regelmäßig (Ausnahme: das Coronajahr 2020, hoffentlich bleibt es bei dieser einen Ausnahme…) am ersten Septemberwochenende dieses allseits beliebte, traditionsreiche Schnellschachturnier ausrichtet.

1991 wurde das in ruhiger idyllischer Lage gelegene Vereinsheim des Schachclubs am Kehrweg fertiggestellt: 3 großzügig und liebevoll gestaltete Räume auf 300 m² mit einem sehr schönen Barraum und frisch gezapftem Bier, das ich in den ‚Erholungspausen‘ beim 10-Städteturnier 2016 in Eupen sehr genießen konnte.

 

Dieter Plumanns war der jahrzehntelange Turnierleiter des KSK Rochade Eupen-Kelmis, dem ich für vielerlei Informationen und Statistiken (siehe auch die Folgeberichte zu „50 Jahre Städtefreundschaft mit Eupen“) zu den internationalen Eupener Turnieren sehr dankbar bin. Turnierleiter-Nachfolger von Dieter Plumanns ist heute Nicolas Rößler, der Sohn des 1. Vorsitzenden Eckhard Rößler.  

Ebenfalls zu großem Dank verpflichtet bin ich Eberhard Thomas und Christoph Schulte vom Stadtarchiv Hemer, die mir großzügig und schnell lokale Zeitungsberichte der Westfalenpost aus dem Jahr 1971 zur Verfügung stellten. (siehe Dateien der Westfalenpost vom 8./9. April 1971)

Der erste Teil des mehrteiligen Berichtes beschäftigt sich ausschließlich mit dem Jahr 1971: Aufgrund der Einladung von Günter Delhaes zum 11. Internationalen Mannschaftsturnier (incl. des 2. Internationalen Jugendturniers) charterte eine größere Delegation unseres Schachvereins – teilweise in Begleitung ihrer Ehefrauen – einen Bus und startete am frühen Samstagmorgen (3. April) die Reise nach Eupen.

Am Samstagnachmittag startete im legendären Kolpinghaus an der Bergstraße ein 5-rundiges Schnellschachturnier mit 60 4er Mannschaften, das unsere 1. Mannschaft in einer stark besetzten Gruppe mit einem sehr guten 3. Platz und 6-4 Mannschaftspunkten beendete. Hierbei gelang ihr ein sensationelles 2-2 gegen den bereits damals renommierten belgischen Erstligisten SK Eupen 47 (1974 belgischer Landesmeister).

Nach Abschluss dieses Schnellschachturnieres sorgte abends die Eupener Bayernkapelle – zu fortgeschrittener Stunde dirigiert von zwei Damen des SV Hemer, Frau Ahrens und Frau Walter – für einen gelungenen Tagesausklang.

Am Sonntag ging es dann im Hauptturnier um den Pokal der Ostkantone, ebenfalls in 4er Mannschaften mit normallanger Turnierbedenkzeit. Es starteten in mehreren Klassen 224 Spieler in 56 Mannschaften. In der Ehrendivision siegte Post Aachen, in der Division und der Promotion C der SK Eupen 47, Kevelaer in der Promotion A.

In der Promotion B spielte die erste Mannschaft des SV Hemer in der Besetzung Rudi Schumacher, Hans Walter, Heinz Ahrens und Heinz Scholly. Wie am Samstag belegte die Mannschaft hinter dem Sieger Attak Heerlen wieder einen guten 3. Platz.

Unsere 2. Mannschaft konnte in der Promotion D nicht komplett antreten; es fehlte ein vierter Spieler. Nach dem Frühstück am Sonntagmorgen hatte Heinz Ahrens eine grandiose rettende Idee: Busfahrer Brolle. In einem Crashkurs brachte Heinz unserem Busfahrer das Schachspiel bei, vergaß aber, ihm die Bedeutung der „Qualität“ zu erklären. Brolle musste dann seine Partie ausgerechnet gegen den Stadtmeister von Verviers absolvieren. Ohne Furcht und Zögern tauschte Brolle selbstbewusst seine Türme gegen die gegnerischen Leichtfiguren ab, was dem Stadtmeister sehr lange Grübelphasen bescherte. Immerhin brauchte er 31 Züge, um unseren gut kämpfenden Amateur zu besiegen. In dieser Gruppe siegte Ech. Liegeois.

Unsere Jugendspieler in der Besetzung Andreas Reinhardt, Wilfried Sirringhaus, Klaus Schreiber und Hans Peter Klüting hatten sich mit sehr starker Konkurrenz zu messen; es reichte trotzdem für einen guten 5. Platz.

Auch die Schülermannschaft mit Heinz-Jürgen Czerwinski (der immer noch aktiver Spieler des SV Menden 24 ist), Frank Walter, Reinhard Ruberg und mir hatte gegen internationale Gegnerschaft keinen leichten Stand. Trotz richtiger Eröffnungsbehandlung gegen Albins Gegengambit verlor ich am 2. Brett mit Weiß schnell den Faden und wurde nach 14 Zügen von dem Monheimer H. B. Görgens mattgesetzt. Da meine Mannschaftskameraden länger und besser kämpften, reichte es in der Endtabelle trotzdem für den 4. Platz.

Insgesamt haben sich unsere Mannschaften bei dieser erstmaligen Teilnahme an einem internationalen Turnier sehr gut geschlagen. Viel wichtiger erwiesen sich aber die zahlreichen neuen Kontakte zu vielen Städten und Vereinen, insbesondere zu unseren Schachfreunden des ausrichtenden Vereins KSK Rochade Eupen-Kelmis, und natürlich auch des KSK 47 Eynatten. Und ebenso hervorhebenswert: das wunderschöne und faszinierende Ambiente der Stadt Eupen!

Fazit: 1971 – der Beginn einer langen Freundschaft!


Ein Glanzlicht der Vereinsgeschichte

Der Aufstieg in die NRW-Liga vor 40 Jahren

(Ein Bericht von Reiner Klüting, 16. 2. 2021)

Am 22. 2. 1981 gelang der 1. Mannschaft des SV Hemer ein bisher nie wieder erreichtes Husarenstück: Sie besiegte im letzten Verbandsliga-Mannschaftskampf der Saison 1980/81 den SV Schwelm mit 5-3, wurde mit 11-3 Punkten südwestfälischer Verbandsmeister und stieg in die NRW-Liga auf, die damals die dritthöchste Klasse Deutschlands war.

Nach genau 40 Jahren hat die heutige erste Mannschaft in dieser außergewöhnlichen ‚Corona-Saison‘ 2019-2021 (Hoffentlich wird die Saison in diesem Jahr beendet….) die Chance, als Tabellenerster der Verbandsliga mit dem gleichen Punktestand von 11-3 (ein gutes Omen?) bei noch 2 ausstehenden Kämpfen die NRW-Ebene mit dem Aufstieg in die NRW-Klasse zu erreichen.

Unterschiede zu damals: Ab der Verbandsebene bestehen mit Ausnahme der 1. Bundesliga alle Klassen aus 10 Mannschaften (damals Verbandsebene: 8-10 Mannschaften). Zudem ist die NRW-Klasse inzwischen die fünfthöchste Klasse Deutschlands, d. h. unsere Erste müsste aus der Verbandsliga noch dreimal aufsteigen, um die jetzige NRW-Oberliga als dritthöchste Klasse Deutschlands zu erreichen. Hieran sieht man, dass die Anzahl der Mannschaften in den oberen Klassen mit den Jahren zugenommen hat, allerdings auf Kosten des Mannschaftsbetriebes der Bezirksebenen, die immer mehr ausgedünnt wurden. Beispiele: Schachbezirk Iserlohn, in dem zunächst die Bezirke Hagen und Iserlohn fusionierten. Außerdem ist die Zahl der Mannschaften in einzelnen Klassen zurückgegangen. Beispiel Duisburg: Die ursprünglich 4 Klassen sind zu 2 Klassen zusammengeschrumpft. Beispiel Bochum: Hier hat man den Rückgang (inzwischen 3 von ehemals 6 Klassen auf Bezirksebene) durch die Bildung einer neuen Klasse zwischen Bezirks- und Verbandsebene aufgefangen: der sogenannten ‚Verbandsbezirksliga‘. In diesen 6 Verbandsbezirksligen sind benachbarte Bezirke zusammengefasst. Die neugegründeten 4 NRW-Klassen ab dieser Saison (2019-2021) haben ein ähnliches Anliegen im Hinblick auf benachbarte Verbände und möglichst kurze Reisewege. Aufgrund geographischer Besonderheiten und unterschiedlicher Mitgliederzahl der Verbände erwies sich die Realisierung dieses Ziels aber als recht schwierig.

Bei dieser Gesamtentwicklung darf nicht vergessen werden, dass im Unterschied zu damals eine Fülle von sehr attraktiven Einzelturnieren/Open als Konkurrenz zu den klassischen Mannschaftskämpfen in Erscheinung getreten ist.

Nach diesem etwas längeren Exkurs nun zurück zum eigentlichen Thema dieses Berichtes, dem Aufstieg der 1. Mannschaft in die NRW-Liga am 22. 2. 1981. Nach einem einjährigen Stelldichein in der Verbandsliga 1973/74 war die erste Mannschaft 1978 wieder in die Verbandsliga aufgestiegen und überraschte als Aufsteiger in der Saison 1978/79 hinter der Schachgesellschaft Hagener SG mit der Vizemeisterschaft. Auch in der darauffolgenden Saison 1979/80 konnte ein guter 3. Platz errungen werden. Verständlich waren daher in der dritten hintereinander folgenden Verbandsligasaison die Ambitionen unserer Mannschaft, vorne „mitzumischen“. Nach 2 knappen Auftaktsiegen gegen die Aufsteiger Neheim und Caissa Lüdenscheid erwies sich in der dritten Runde der Mitfavorit SV Buschhütten (NRW-Ligist 1977 – 1979) als zu stark für uns; wir unterlagen klar mit 2,5-5,5. In der 4. Runde konnten wir den NRW-Liga-Absteiger SV Ruhrtal-Wetter (NRW-Ligist 1978 – 1980) mit 5-3 bezwingen. Nachdem wir in der 5. Runde nach hartem Kampf (bei einer 4-3 Führung ging eine remisliche Hängepartie überraschend verloren) ein 4-4 gegen Svgg. Lüdenscheid erreicht hatten, sprach niemand mehr vom Aufstieg; denn Buschhütten hatte bei einer knappen Niederlage gegen Svgg. Lüdenscheid die restlichen 4 Kämpfe hoch gewonnen (3 mal 5,5-2,5 und einmal 6-2) und führte allein die Tabelle mit 8-2 Punkten an. Deshalb warteten wir nach unserem 5-3 Sieg gegen SV Feste Neustadt (dies war der Vorgängerverein vom SV Bergneustadt, der unter anderem mit dem SV Derschlag später fusionierte) in der 6. Runde ohne größere Hoffnungen beim Mannschaftsessen auf die Ergebnisse der übrigen Mannschaften. Dieses regelmäßige Ritual mit gemeinschaftlichen Partieanalysen war nicht selten der Höhepunkt des Mannschaftskampfes (ähnlich wie bei meiner Wattenscheider Ü 50 / Ü60 Truppe, deren Mannschaftskämpfe ich noch nach wie vor gerne besuche und dabei insbesondere das ‚Gelage‘ nach dem Kampf genieße….). Zu fortgeschrittener Stunde prognostizierte ich vorwitzig einen 5-3 Sieg der mit 0-10 Punkten vorbelasteten und bereits abgestiegenen Schachfreunden aus Caissa Lüdenscheid gegen den SV Buschhütten. Diese Prognose erzeugte ungläubiges Gelächter, wich aber schnell einem freudigen Staunen, als dieses Ergebnis punktgenau per analoger Telefonverbindung der klassischen Art vom Verbandsspielleiter übermittelt wurde. Anschließend musste Rudi Schumacher unsere allmählich eskalierende „Voraufstiegsfeier“ etwas bremsen; denn schließlich waren wir nun lediglich punktgleich mit Svgg. Lüdenscheid (jeweils 9-3 Punkte), konnten aber jetzt wieder ‚aus eigener Kraft‘ den Aufstieg schaffen. Da Lüdenscheid in der letzten Runde am 22. 2. 1981 gegen Neheim verlor und wir gegen den SV Schwelm mit 5-3 siegen konnten (siehe auch den IKZ-Zeitungsbericht vom 25. 2. 1981), war die Meisterschaft perfekt! Die anschließenden Feierlichkeiten zogen sich über einen längeren Zeitraum hin und fanden nicht nur in Hemer statt, sondern auch in einigen Bochumer Studentenheimen. Unter anderem spendierte ich einem Bochumer Mitstudenten von Caissa Lüdenscheid, Ekkehard Hostert, für seine ‚Schützenhilfe‘ ein großes Bier.

Die Statistik der Saison 1980/81 hat uns dankenswerterweise Dr. Andreas Reinhardt zur Verfügung gestellt (siehe Datei). Eine Erläuterung zu den dort angegebenen Ingo-Zahlen: Die Umrechnungsformel von Ingo nach DWZ/Elo lautet 2840 – 8 x Ingo. So entspräche die Ingo-Durchschnittszahl von 107,9 von SV Feste Neustadt einer Durchschnitts-DWZ von 1977. Die 3 erfolgreichsten Spieler von Hemer waren an Brett 1 Wilfried Sirringhaus mit herausragenden 6 von 7 Punkten (Gegnerdurchschnitt Ingo 96,7, das entspricht einer Gegnerdurchschnitts-DWZ von 2066,4), ebenso Herbert Cloosters an Brett 7 mit 4,5 aus 5 und Andreas Reinhardt an Brett 3 mit starken 3,5 aus 5. Alle 3 gehörten mit mir zur studentischen ‚Bochumer Fraktion‘ der Mannschaft, die viele Jahre zusammen spielte. Auch nach der Studentenzeit spielte diese 4er Fraktion lange Zeit für die 1. Mannschaft von Hemer, obwohl die zwischenzeitlichen Wohnungen teilweise weit entfernt von Hemer lagen, so für Wilfried in Karlsruhe, Erlangen und Duisburg, für Andreas in München, Bornheim und Bonn, für Herbert in Kranenburg und Witten und für mich in Rheine.

Drücken wir der heutigen 1. Mannschaft die Daumen, in die breiten Fußstapfen der damaligen Meistermannschaft zu treten! Es wäre nach den Erfolgen der Damen und der Jugend bereits der dritte Aufstieg der laufenden Saison für den SV Hemer.

Schachfamilien im Verein (Ein Bericht von Reiner Klüting, 02.10. 2020)

Im Schachverein Hemer waren sowohl in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart zahlreiche Schachfamilien aktiv. Aktuell sind im Verein 4 Familien aktiv: zunächst die allseits bekannte Familie Jagodzinsky und die jugendlichen Geschwisterpaare Fabian Dat und Felix Toan Trinh, Linda und Lukas Becker sowie Liam und Denny Schulte genannt Trux.

Beginnen möchte ich mit der Familie Jagodzinsky. Weniger bekannt dürfte sein, dass der jüngere Bruder von Andreas, Thomas Jagodzinsky eine Zeitlang im Jugendschach mit Andreas gemeinsam erfolgreich tätig gewesen ist. Carmen Voicu-Jagodzinsky hat neben zahlreichen Titeln (s. Wikipedia-Artikel zu Carmen) gerade die Deutsche Fraueneinzelmeisterschaft in Magdeburg gewonnen, wo sie ein Jahr zuvor auch den Deutschen Amateurmeistertitel (DSAM) errungen hatte. Sie hat für den Verein immer wieder neue Talente gefunden und langjährig trainiert, darunter den NRW-Jugendmeister vom letzten Jahr, Moritz Runte. Außerdem ist sie Jugendkadertrainerin und Frauenbeauftrage des Schachbundes NRW. Andreas leitet als 1. Vorsitzender seit 2001 die Geschicke des Vereins und insbesondere das regelmäßige Jugendtraining. Er war entscheidend an der Erfolgsgeschichte des Frauenschachs beteiligt. (s. hierzu die Rubrik „Mannschaften“/“Frauen“/“Geschichte des Hemeraner Frauenschachs I und II“ der Homepage, 10.9/11.9. 2019). Außerdem ist Andreas 1. Vorsitzender des Schachbezirks Iserlohn und seit mehreren Jahren Leistungssportreferent des DSB. Carmen und Andreas spielen seit vielen Jahren sehr erfolgreich an den Spitzenbrettern der 1. Seniorenmannschaft des SV Hemer. In meiner damals letzten Saison 1993/94 für den SV Hemer waren Andreas und ich bereits Mannschaftskameraden, weil Andreas hier als Jugendlicher mit 1,5 aus 2 recht erfolgreich debutierte. 1996 wechselte er zur SG Bochum 31, mit der er 1997 in Magdeburg (eine für die Familie Jagodzinsky stets „titelverdächtige“ Stadt) deutscher U20 Jugendmannschaftsmeister wurde; 2001 kehrte er zum SV Hemer zurück. Last but not least ist der 11jährige Sohn Lukas zu nennen, der nicht nur bereits einige Schülermeistertitel gewonnen hat, sondern neben seinem Einsatz in der Jugendmannschaft auch bereits sein Debut sowohl in der ersten Mannschaft in der Verbandsliga gegen den späteren Aufsteiger Bergneustadt als auch in der 2. Mannschaft in der Verbandsklasse gegen Letmathe II (Remis gegen Altmeister Wladimir Demin) feiern konnte.

Von den Geschwisterpaaren möchte ich zunächst Linda und Lukas Becker nennen, die diese Saison (die ja nun coronabedingt 2 Jahre dauern wird) beide in der 2. Seniorenmannschaft in der Bezirksliga spielen und die Spitzenbretter in der 2. Jugendmannschaft einnehmen, die gemeinsam mit der 1. Jugendmannschaft in der NRW-Jugendliga spielt. Linda, mit 14 Jahren bereits 2fache NRW-Meisterin der Jugend 2018 und 2019, hat mit 4,5 aus 5 Partien ein herausragendes Ergebnis in der 2. Frauenbundesliga geholt und war damit maßgeblich am historischen Aufstieg in die 1. Bundesliga beteiligt. Außerdem hat sie in dieser Saison bereits erfolgreich in der ersten Seniorenmannschaft gegen Halver-Schalksmühle debutiert und mit einem Remis den Mannschaftssieg abgesichert. Ihre Eltern, die sie zu diversen Turnieren begleiten, habe ich bei mehreren Schnellschachturnieren getroffen, wo Linda recht erfolgreich auch gegen stärkste Gegnerschaft agierte und viele Preise und Pokale holte. Die Eltern unterstützen uns nicht nur bei vielen Fahrten zu den Jugendauswärtsspielen, sondern auch beim Catering, beispielsweise bei der Hemeraner Stadtmeisterschaft.

Der 17jährige Fabian (Brett 3) und sein älterer Bruder Felix (Brett 6) sind Leistungsträger der 1. Jugendmannschaft in der NRW-Liga, die aktuell um den Jugendbundesligaaufstieg kämpft. Beide sind bisher ungeschlagen (Felix 5 aus 5, Fabian 4 aus 5 Partien). In der letzten Saison war Fabian sowohl mit 6 aus 7 ungeschlagener Topscorer der 1. Jugendmannschaft in der NRW-Liga als auch mit 4,5 aus 7 ungeschlagener Topscorer der 2. Seniorenmannschaft in der Verbandsklasse (Brett 3 und 4). Felix (Einsatz am Brett 6 - 8) verlor in der Verbandsklasse von 5 Partien nur eine. Inzwischen ist Fabian Stammspieler der 1. Seniorenmannschaft in der Verbandsliga.

Nun wende ich mich einigen ausgewählten Schachfamilien zu, die in der Vergangenheit eine große Rolle gespielt haben. Als erste nenne ich Familie Walter. Zahlreiche Vereinserfolge von Hans Walter über viele Jahrzehnte hinweg kann man in den Jubiläumsvereinschroniken finden (Vereinsmeisterschaft, Vereinspokal, Stadtmeisterschaft und Blitzmeisterschaft) und nachlesen. Außerdem war er südwestfälischer Verbandsmeister. Er spielte fast immer an einem Spitzenbrett in der ersten Seniorenmannschaft. Seine Spielkunst konnte ich schon in der Jugend bewundern; als Mannschaftskamerad nannten wir jüngere ihn bisweilen ‚Petrosjan‘, weil Tigran Wartanowitsch Petrosjan sein Vorbild war. Hans zeigte häufig ein faszinierendes Verteidigungsspiel, das an dieses große Vorbild erinnerte. Leider strapazierte er mit seiner notorischen Extremzeitnot (es gab ja keine elektronischen Uhren zu jener Zeit) häufig unsere Nerven, obwohl er selten durch Blättchenfall ein Spiel verlor. Hatte Hans eine angenehme Stellung erreicht (was sich manchmal meiner Beurteilungsfähigkeit entzog), murmelte er leise in zufriedenem, fast singendem Ton: „….der alte Petrosjan….“ und wir konnten seine schönen Analysen beim anschließenden gemütlichen gemeinschaftlichen Essen genießen. Seine angenehm-liebenswürdige und gesellige Art, die auch seine begleitende Frau Helga stets an den Tag legte, war auch während der zahlreichen internationalen Wochenendturnieren (incl. der legendären 10-Städte-Turniere) spürbar, wo wir immer viel Spaß hatten. Auch nach dem Tod ihres Mannes ließ Helga Walter den Kontakt zum Schachverein nicht abbrechen und besuchte als Zuschauerin gelegentlich die Hemeraner Stadtmeisterschaften. Unvergesslich positiv in Erinnerung geblieben ist allen Teilnehmern ihre Begleitung als guter Geist der Mannschaft zum 10-Städte-Turnier 2016 in Eupen. (s. Bericht unter der Rubrik „10-Städte-Turniere“ der Homepage).

Beide Söhne, Frank und Anjo Walter spielten in der Jugend einige Jahre. Frank wurde Anfang 1970 Schülerstadtmeister und sein Vater gleichzeitig Stadtmeister bei den Senioren. Diese Stadtmeisterschaft, die im September 1969 begann, war mein erstes Turnier, dessen Ankündigung ich zufällig im IKZ gefunden hatte. Daraufhin hatte ich meinen älteren Bruder Hans-Peter animiert, mit mir daran teilzunehmen. Zunächst meinte er, da würden ja ausschließlich ‚Profis‘ spielen, gegen die wir keinerlei Chancen hätten. Schließlich gab er meinem hartnäckigen Wunsch nach und wir wurden bereits wenig später Vereinsmitglieder (damals unter Jugendtrainer Herrn Barsch, der uns ‚köderte‘, unter anderem für die beiden Jugendmannschaften). In dieser Stadtmeisterschaft konnte ich gegen Frank gewinnen, verlor aber in meiner allerersten Turnierpartie gegen seinen Bruder Anjo. Mit jeweils einem Verlustpunkt mussten Frank und ich im Januar 1970 eine Stichkampfpartie spielen, die Frank gewann. Diese Partie habe ich beigelegt, um zu zeigen, wie früher Jugendschach „aussah“. Vielen Jugendlichen in unserem Verein wurde zunächst die Italienische Eröffnung beigebracht, weil diese die Anfänger recht klar in das Thema „Entwicklung“ und „Taktik“ einführt. Mit Hans-Peter spielte ich viele Jahre gemeinsam in der ersten und zweiten Seniorenmannschaft. Einige Jahre später gesellte sich im Jugendschach auch noch mein jüngerer Bruder Uwe eine Zeitlang dazu.

Familie Schumacher ist die nächste bedeutsame Familie: die beiden Brüder Rudi und Willi Schumacher und Willis Tochter Christa, die eine Zeitlang in der Jugend spielte. Rudi hat wie Hans Walter zahlreiche vereinsinterne Titel errungen. Jahrzehntelang belegte er sehr erfolgreich das erste Brett der 1. Mannschaft. Sein Bruder Willi spielte viele Jahre an Brett 3 und erwies sich als „Remiswand“, den keiner bezwingen konnte. Später zog er sich mit einigen anderen in die Jahre gekommenen Stammspielern der Ersten in die dritte Mannschaft zurück, die sehr erfolgreich spielte und wie unsere Dritte heute den Aufstieg in die Bezirksliga schaffte. Die mannschaftsinterne Aufstiegsfeier, die bei dem unvergesslichen Heinz Ahrens stattfand und wo ich als einziger „mannschaftsfremder“ Spieler aus der Ersten eingeladen worden war, habe ich in bester Erinnerung. In der Saison 1993/94 vollbrachte die 3. Mannschaft dann ein vereinshistorisch nie wieder erreichtes Kunststück: Sie wurde Meister der Bezirksliga und stieg in die Verbandsklasse auf! Sie machte dadurch den gleichzeitigen Abstieg der Zweiten aus der Verbandsklasse wett.

Zurück zu Rudi: Ohne Rudi, der sich - wie Andreas Jagodzinsky heute – jahrzehntelang intensiv um die schachliche Nachwuchsarbeit im Jugendbereich kümmerte, hätte ich an vielen Einzelturnieren nicht teilnehmen können. Jeden Karfreitag beispielsweise nahm er mich in meinen Jugendjahren zum Verbandsblitzturnier mit, wo ich Erfahrungen gegen starke Spieler sammeln konnte. Rudi pflegte einen soliden positionell angelegten Spielstil, der bei passender Gelegenheit die taktische Überraschung bereit hielt. Nach dem Aufstieg in die NRW-Liga 1981 meinte Rudi ermahnend zu mir: „ Du wirst doch jetzt in der NRW-Liga nicht mehr das Morra-Gambit spielen!?“ Neben Rudis Spielkunst war auch sein „schnittiger“, risikoreicher Fahrstil legendär: Ich erinnere mich an eine „Höllenfahrt“ sonntags nach Rheda-Wiedenbrück, bei der wegen einer samstäglichen Aufstiegsfeier für Wilfried Sirringhaus, Hermann Carnein und mich die Anfahrt qualvoller war als das anschließende Blitzen gegen die starke Gegnerschaft auf NRW-Ebene.

Kommen wir nun zu den beiden Brüdern Bernd und Michael Kistner, die beide leider viel zu früh gestorben sind. Bernd war eine Seele des Vereins. Seine Liebe zum Schachspiel und seine ausgesprochene Geselligkeit waren ansteckend und sorgten für unvergessliche Erlebnisse, die sich nicht nur auf die vielfältigen Wochenendturniere erstreckten. Er kümmerte sich aufmerksam um die Vereinshistorie und verfasste mancherlei Berichte für Jubiläumszeitschriften. Er spielte viele Jahre in der ersten und zweiten Mannschaft und war bei vielen Gegnern wegen seines aggressiv-taktischen Spielstils gefürchtet. Seine Partien gegen mich ohne ein Gambit waren undenkbar, auch wenn wir selbstironisch nach jeder Partie „gelobten“, endlich mal „positionell“ zu spielen. In unserer Studienzeit trafen wir uns auch gelegentlich im Dortmunder Kreuzviertel zum Schachspielen, wo er in der Nähe der gemütlichen Kneipe „B-Trieb“ wohnte. Sein Bruder Michael kam etwas später zum Verein und erwies sich als Riesenverstärkung für die NRW-Liga Saison 1981/82, in der er nach Herbert Cloosters (7 Punkte aus 9 Partien) mit 6,5 aus 9 zum zweitbesten Spieler der Mannschaft avancierte.

 

Als letzte Familie in meinem Bericht nenne ich die Familie Zielert, Günter Zielert und sein Sohn Detlef Zielert. Günter war jahrelang erfolgreicher Stammspieler der ersten Mannschaft und eine gefühlte Ewigkeit Vorstandsmitglied als Vereinskassierer. Er zeichnete sich wie sein Sohn Detlef durch eine bescheiden-ruhige, umgängliche Art aus. Detlef war viele Jahre Spieler der ersten und zweiten Mannschaft, engagierte sich sehr für die Jugendarbeit incl. des Frauenschachs. Zudem war er Spielleiter im Verein und Turnierleiter der Hemeraner Stadtmeisterschaften.

Bilder stammen vom IKZ. Draufklicken und vergrößern, dann sind die Artikel gut zu lesen!

Vor 50 Jahren: Südwestfalenmeisterschaft in Hemer

(Ein Bericht von Reiner Klüting, 25. 9. 2020)

 

Normalerweise hätte in diesem Monat die neue Saison begonnen; aber erst im nächsten Jahr werden die restlichen Mannschaftskämpfe durchgeführt werden. Immerhin startet ab dem kommenden Sonntag (27. 9. 2020) die Jugend ihre restlichen Kämpfe, die Anfang November beendet sein werden. Es beginnt die erste Jugendmannschaft mit einem Nachholheimspiel in der NRW-Liga gegen Blauer Springer Paderborn, in dem sie ihre Aufstiegschancen in die Jugendbundesliga bewahren will.

Etwas überbrücken möchte ich die noch lange Zeitspanne bis zur Fortsetzung der Mannschaftssaison der Senioren 2019/2020 mit einem kleinem Rückblick auf die Südwestfalenmeisterschaft, die vor gut 50 Jahren 1970 im Hotel Lindenhof in Hemer stattfand.

Neben dem damals 20jährigen Andreas Reinhardt, der den Ausrichterfreiplatz zugesprochen bekam, hatte Hans Walter die Qualifikation durch den Bezirksmeistertitel erreicht. Auch der heute 87jährige Erich Weyrauch, gegen den Timo Leonard im letzten Mannschaftskampf dieses Jahres (im März) nach zähem Kampf gewonnen hatte und damit maßgeblich das Mannschaftsremis gesichert hatte, nahm an diesem Turnier teil. Dass Weyrauch in diesem hohen Alter noch immer eine scharfe Klinge mit seinem Gegner kreuzen kann, zeigt seine aktuelle Punkteausbeute in der Verbandsliga: 4 Punkte aus 7 Partien!

Für mich war diese Verbandsmeisterschaft das erste größere Turnier, bei dem ich ausgiebig kiebitzen konnte. Mir gefiel insbesondere der aggressive Spielstil von Andreas, der seine Partien auf Biegen und Brechen anlegte und kein einziges Mal Remis spielte. Andreas, der seit April 1964 Mitglied im Schachverein Hemer ist, verlor trotz aufopferungsvollen Kampfes die ersten 3 Partien. Danach hatte er sich akklimatisiert und trumpfte mit 3 Gewinnpartien hintereinander auf. Beim Stande von 3:3 hatte er gegen Weyrauch in der 7. Runde bereits in der Eröffnung einen gewinnverheißenden Qualitätsvorteil, verlor aber noch und konnte seine Aufholserie nicht mehr fortsetzen. Nichtsdestotrotz war sein Abschneiden als ‚Benjamin‘ des Turniers ein großer Achtungserfolg.

Claus Rupp aus Siegen gewann überlegen und ungeschlagen das Turnier.

Die Endtabelle:

  1. Rupp 7,5 – 1,5

  2. Soennecken 6 – 3

  3. Bachmann 5,5 – 3,5

  4. Ogrzall 5 – 4

  5. Weyrauch 5 – 4

  6. Walter 5 – 4

  7. Bukowski 4,5 – 4,5

  8. Kill 3,5 – 5,5

  9. Reinhardt 3 – 6

  10. Röttger 0 – 9

 

Die Plätze 4-6 wurden nach der Sonneborn-Berger Wertung vergeben.            


Welcher Weg führt nach Rom?“ – Erinnerungen an eine legendäre Schachpartie

(Ein Bericht von Reiner Klüting, 21. 4. 2020)

 

Unser erster historischer Streifzug führt uns in das Jahr 1977, dem Geburtsjahr unseres jetzigen Vorsitzenden Andreas Jagodzinsky. Am 20. 11. 1977 wurde im damaligen Vereinslokal, Gaststätte (und Hotel) Lindenhof die wohl längste (zumindest zeitlich längste) Partie der Vereinsgeschichte zwischen Graf (SV Gevelsberg) und Andreas Reinhardt am 5. Brett in der Verbandsklasse gespielt. Bei diesem Bericht greife ich auf viele detailreiche Erinnerungen von Andreas zurück.

Die Aufstellung der ersten Mannschaft war damals folgende:

  1. Hans Walter

  2. Wilfried Sirringhaus

  3. Herbert Cloosters

  4. Rudi Schumacher

  5. Andreas Reinhardt

  6. Reiner Klüting

  7. Curt Kleinmichel

  8. Alfred Wolschendorff (damaliger Vorsitzender des Vereins)

Nach einem Start mit 2 Siegen gegen Arnsberg (7-1) und Schwerte (wie zu allen Zeiten hart umkämpft, 4,5-3,5), ging es darum, den Spitzenplatz zu verteidigen. Üblicherweise wurde in der dritten Runde und am letzten Spieltag bis zur Entscheidung gespielt, d. h. „Hängepartien“ waren nicht gestattet.

Für unsere jüngeren Leser/Innen sei ein kurzer Exkurs erlaubt. Bis Mitte der 90er Jahre (s. hierzu auch einen Wikipedia-Artikel zum Begriff ‚Hängepartie‘) wurde nach 5 Stunden Spielzeit (Modus: 50 Züge mit 2,5 Stunden Bedenkzeit, danach 20 Züge mit je einer Stunde Bedenkzeit usw.) die Partie unterbrochen. Der Spieler, der am Zug war, notierte seinen nächsten Zug, den Abgabezug, geheim und verbindlich auf seinem Partiezettel, der zusammen mit dem Partieformular des Gegners in einen Umschlag gesteckt wurde. Auf dem Umschlag wurden verbrauchte Bedenkzeiten, evtl. Remisangebote, Stellung und Zeitpunkt/Ort der Wiederaufnahme der Partie notiert. Direkt danach fand eine sogenannte „Abschätzung“ der Partie unter Beteiligung beider Mannschaftsführer und mitanalysierender Spieler statt. Erwies sich das Ergebnis dieser Abschätzung als eindeutig (mit Zustimmung beider Mannschaftsführer), trug man es gleich in die Wettkampfberichtskarte ein. Einigte man sich nicht, wurde der Verbandsspielleiter informiert, der dann über die Abschätzung entschied und den beteiligten Vereinen dies mitteilte. Wenn ein Verein nicht einverstanden war, protestierte er gegen das Abschätzungsergebnis und mußte dann zur Fortsetzung der Hängepartie eine oder zwei Wochen später zum Gegner reisen.

Zurück zum Mannschaftskampf: Wir führten 3,5 – 1,5, als Andreas Reinhardt in vorteilhafter Stellung seine Dame einbüßte. Dies veranlasste Curt Kleinmichel, der einen Bauern weniger hatte, zu der Bemerkung: „Jetzt bin ich auf einmal am wenigstens kaputt.“ Aber auch Curt konnte nicht verhindern, dass es kurze Zeit später 3,5 – 3,5 stand, während Andreas sich weiterhin zäh verteidigte. Sein Gegner unterließ manchen Mattangriff; es entstand eine Stellung mit Dame und Turm gegen 2 Türme. Im 58. Zug belohnte sich Andreas nicht für seinen aufopferungsvollen Kampf und übersah eine zwingende Remisvariante. Wenig später entstand dann das Endspiel Dame gegen Turm, dem die klassische Endspiellehre von Euwe eine ausführliche Analyse widmet.

Nachdem uns der Wirt Heinz Drees mit Hinweis auf die Öffnungszeiten bereits mehrfach ermahnt hatte, zu einem Ende zu kommen, wurde die Partie nach 10,5 Stunden um 0.30 Uhr unterbrochen. Da ihm das weitere Prozedere – nämlich die nun verpflichtend beginnende Abschätzung der Partie – nicht geläufig war, wurde er immer ungeduldiger und rief uns zu: „Ihr könnt ja auf dem Bürgersteig weiter Schach spielen!“ Seit diesem Moment etablierte sich in der studentischen Fraktion der Mannschaft für längere Zeit das geflügelte Wort „Bürgersteigschach“, das eine etwas minderwertige Spielanlage bezeichnete.

Die abschätzende Analyse nach dem Ritual der Notation des Abgabezuges durch Andreas ergab dann um ca. 1.00 Uhr eine Gewinnstellung für Graf, die vom Verbandsspielleiter als Sieg gewertet wurde. Natürlich legten wir gegen die Entscheidung Protest ein, da sich Andreas berechtigte Hoffnungen machte, die 17 noch fehlenden Züge für die 50-Züge-Regel noch zu überstehen.

In Gevelsberg kam es eine Woche später zum Showdown. Je mehr nach dem letzten Figurentausch (Schlagen eines Bauerns im 75. Zug) sich die Partie dem 125. Zug näherte, umso nervöser wurde Graf. Zwischendurch murmelte er – ganz im Sinne der Euwe-Analyse – „Welcher Weg führt denn nach Rom?“ Wir wissen nicht genau, ob er dieses Standardwerk von Euwe kannte oder diese Bemerkung nur eine kurios-zufällige Übereinstimmung mit dem Hinweis von Euwe zu diesem speziellen Endspiel war:

Der Leser wird vielleicht Zweifel hegen, ob er überhaupt imstande sein wird, ein Dame-Turmendspiel zum Erfolg zu führen. Er möge aber bedenken: einmal führen viele Wege nach Rom, beinahe alle…“ (Sammelband Max Euwe, Das Endspiel, Hamburg 1958, Bd. 4, Figuren gegen Figuren I, S. 44)

Auf jeden Fall hatte Andreas bei seiner Vorbereitung auf die Fortsetzung der Hängepartie auch diese Analyse von Euwe studiert.

Als Andreas den 124. Zug ausführte, sprang Graf wie von einer Tarantel gestochen auf und rief: „Du hast vergessen, ‚Remis‘ zu beanspruchen! Jetzt beginnt die 50-Züge Regel von neuem!“ Der gegnerische Mannschaftsleiter und unser Mannschaftsführer Wilfried Sirringhaus verdrehten die Augen und schüttelten den Kopf. Als besonderen Gag führte Andreas seinen 124. Zug aus und reklamierte nach Grafs 125. Zug eine dreimalige Stellungswiederholung.

Somit endete nach insgesamt 11,5 Stunden Spielzeit diese legendäre Partie, die uns ein 4-4 rettete und am Ende der Saison souverän mit 13 – 1 Punkten in die Verbandsliga aufstiegen ließ.

 

Übrigens: Die vermutlich zeitlich zweitlängste Partie (9 Stunden, 87 Züge) wurde 1984 - auch in einem Mannschaftskampf – von unserer Schachlegende Hans Walter bestritten.

 

Hier geht es, genau wie an der rot markierten Stelle zur Partie...


Die Geschichte ist eine Mühle, worin die Lebendigen zu arbeiten glauben, die Geister aber die Arbeit verrichten. Wie sich die übermütigen Zwerge, die im Sonnenschein herumhüpfen, auch anstrengen mögen, die toten Riesen, die aus der Ewigkeit in unermeßlichem Zuge hervorschreiten, machen sie zu unnützen Knechten und schauen mitleidig auf ihr Gezappel herab.“ (Friedrich Hebbel)

 

Vereinsgeschichte

(Einige Bemerkungen zur neuen Rubrik von Reiner Klüting, 14. 4. 2020)

 

Der SV Hemer feiert in 2 Jahren sein 90jähriges Jubiläum und hat in seiner Vereinsgeschichte Höhen und Tiefen erlebt. Gegenwärtig erleben wir sicherlich einen herausragenden Höhepunkt mit dem Aufstieg der Frauenmannschaft in die Bundesliga. Der größte und gefährlichste Gegner von möglichen weiteren Aufstiegen in dieser Saison wäre das Coronavirus, das einen vorzeitigen Saisonabbruch ohne Auf- und Abstiege verursachen könnte. Kleiner Trost: Wenigstens unsere 2. Jugend- und 3. Seniorenmannschaft könnten hiervon profitieren.

Diese Rubrik möchte an interessante Ereignisse und Erlebnisse sowohl aus der älteren als auch der jüngeren Vereinsgeschichte erinnern, wobei auch Raum für kleinere Anekdoten (incl. Schachsprüche und –Zitate) geschaffen werden soll. Jedes Vereinsmitglied und natürlich auch Exmitglieder und Freunde des Vereins könnten hier kurzweilige Beiträge veröffentlichen. Sicherlich werden auch manche Beiträge an dieser Stelle für Überraschungen sorgen, die ich natürlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht verraten werde…

Ein besonderer Dank geht vorab an Andreas Reinhardt, der sehr viele Zeitungsartikel gewissenhaft gesammelt hat und dem Verein zur Verfügung gestellt hat. So wird mancher Bericht aus den Informationen dieser Zeitungsartikel generiert werden können. Zudem kam durch das Lesen von einigen Artikeln manche vergessene Erinnerung zurück ins Gedächtnis.

Das Schachspielen im Internet (incl. der gerade beendeten spannenden Vereinsmeisterschaft) hilft uns, die größere Zwangspause des Spielbetriebs zu überstehen, so dass folgendes, zugegebenermaßen pathetisches Zitat (1924) von Massimo Bontempelli, gefunden in der „Schachphilosophie“ von Josef Seifert (Darmstadt 1989, S. VII) zutreffen könnte:

 

„…wenn die Welt ins Chaos zurücksinken…wird, wird das Schachspiel bleiben,…Denn dieses Spiel hat an der Ewigkeit der Ideen teil.“