Schachfamilien im Verein (Ein Bericht von Reiner Klüting, 02.10. 2020)

Im Schachverein Hemer waren sowohl in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart zahlreiche Schachfamilien aktiv. Aktuell sind im Verein 4 Familien aktiv: zunächst die allseits bekannte Familie Jagodzinsky und die jugendlichen Geschwisterpaare Fabian Dat und Felix Toan Trinh, Linda und Lukas Becker sowie Liam und Denny Schulte genannt Trux.

Beginnen möchte ich mit der Familie Jagodzinsky. Weniger bekannt dürfte sein, dass der jüngere Bruder von Andreas, Thomas Jagodzinsky eine Zeitlang im Jugendschach mit Andreas gemeinsam erfolgreich tätig gewesen ist. Carmen Voicu-Jagodzinsky hat neben zahlreichen Titeln (s. Wikipedia-Artikel zu Carmen) gerade die Deutsche Fraueneinzelmeisterschaft in Magdeburg gewonnen, wo sie ein Jahr zuvor auch den Deutschen Amateurmeistertitel (DSAM) errungen hatte. Sie hat für den Verein immer wieder neue Talente gefunden und langjährig trainiert, darunter den NRW-Jugendmeister vom letzten Jahr, Moritz Runte. Außerdem ist sie Jugendkadertrainerin und Frauenbeauftrage des Schachbundes NRW. Andreas leitet als 1. Vorsitzender seit 2001 die Geschicke des Vereins und insbesondere das regelmäßige Jugendtraining. Er war entscheidend an der Erfolgsgeschichte des Frauenschachs beteiligt. (s. hierzu die Rubrik „Mannschaften“/“Frauen“/“Geschichte des Hemeraner Frauenschachs I und II“ der Homepage, 10.9/11.9. 2019). Außerdem ist Andreas 1. Vorsitzender des Schachbezirks Iserlohn und seit mehreren Jahren Leistungssportreferent des DSB. Carmen und Andreas spielen seit vielen Jahren sehr erfolgreich an den Spitzenbrettern der 1. Seniorenmannschaft des SV Hemer. In meiner damals letzten Saison 1993/94 für den SV Hemer waren Andreas und ich bereits Mannschaftskameraden, weil Andreas hier als Jugendlicher mit 1,5 aus 2 recht erfolgreich debutierte. 1996 wechselte er zur SG Bochum 31, mit der er 1997 in Magdeburg (eine für die Familie Jagodzinsky stets „titelverdächtige“ Stadt) deutscher U20 Jugendmannschaftsmeister wurde; 2001 kehrte er zum SV Hemer zurück. Last but not least ist der 11jährige Sohn Lukas zu nennen, der nicht nur bereits einige Schülermeistertitel gewonnen hat, sondern neben seinem Einsatz in der Jugendmannschaft auch bereits sein Debut sowohl in der ersten Mannschaft in der Verbandsliga gegen den späteren Aufsteiger Bergneustadt als auch in der 2. Mannschaft in der Verbandsklasse gegen Letmathe II (Remis gegen Altmeister Wladimir Demin) feiern konnte.

Von den Geschwisterpaaren möchte ich zunächst Linda und Lukas Becker nennen, die diese Saison (die ja nun coronabedingt 2 Jahre dauern wird) beide in der 2. Seniorenmannschaft in der Bezirksliga spielen und die Spitzenbretter in der 2. Jugendmannschaft einnehmen, die gemeinsam mit der 1. Jugendmannschaft in der NRW-Jugendliga spielt. Linda, mit 14 Jahren bereits 2fache NRW-Meisterin der Jugend 2018 und 2019, hat mit 4,5 aus 5 Partien ein herausragendes Ergebnis in der 2. Frauenbundesliga geholt und war damit maßgeblich am historischen Aufstieg in die 1. Bundesliga beteiligt. Außerdem hat sie in dieser Saison bereits erfolgreich in der ersten Seniorenmannschaft gegen Halver-Schalksmühle debutiert und mit einem Remis den Mannschaftssieg abgesichert. Ihre Eltern, die sie zu diversen Turnieren begleiten, habe ich bei mehreren Schnellschachturnieren getroffen, wo Linda recht erfolgreich auch gegen stärkste Gegnerschaft agierte und viele Preise und Pokale holte. Die Eltern unterstützen uns nicht nur bei vielen Fahrten zu den Jugendauswärtsspielen, sondern auch beim Catering, beispielsweise bei der Hemeraner Stadtmeisterschaft.

Der 17jährige Fabian (Brett 3) und sein älterer Bruder Felix (Brett 6) sind Leistungsträger der 1. Jugendmannschaft in der NRW-Liga, die aktuell um den Jugendbundesligaaufstieg kämpft. Beide sind bisher ungeschlagen (Felix 5 aus 5, Fabian 4 aus 5 Partien). In der letzten Saison war Fabian sowohl mit 6 aus 7 ungeschlagener Topscorer der 1. Jugendmannschaft in der NRW-Liga als auch mit 4,5 aus 7 ungeschlagener Topscorer der 2. Seniorenmannschaft in der Verbandsklasse (Brett 3 und 4). Felix (Einsatz am Brett 6 - 8) verlor in der Verbandsklasse von 5 Partien nur eine. Inzwischen ist Fabian Stammspieler der 1. Seniorenmannschaft in der Verbandsliga.

Nun wende ich mich einigen ausgewählten Schachfamilien zu, die in der Vergangenheit eine große Rolle gespielt haben. Als erste nenne ich Familie Walter. Zahlreiche Vereinserfolge von Hans Walter über viele Jahrzehnte hinweg kann man in den Jubiläumsvereinschroniken finden (Vereinsmeisterschaft, Vereinspokal, Stadtmeisterschaft und Blitzmeisterschaft) und nachlesen. Außerdem war er südwestfälischer Verbandsmeister. Er spielte fast immer an einem Spitzenbrett in der ersten Seniorenmannschaft. Seine Spielkunst konnte ich schon in der Jugend bewundern; als Mannschaftskamerad nannten wir jüngere ihn bisweilen ‚Petrosjan‘, weil Tigran Wartanowitsch Petrosjan sein Vorbild war. Hans zeigte häufig ein faszinierendes Verteidigungsspiel, das an dieses große Vorbild erinnerte. Leider strapazierte er mit seiner notorischen Extremzeitnot (es gab ja keine elektronischen Uhren zu jener Zeit) häufig unsere Nerven, obwohl er selten durch Blättchenfall ein Spiel verlor. Hatte Hans eine angenehme Stellung erreicht (was sich manchmal meiner Beurteilungsfähigkeit entzog), murmelte er leise in zufriedenem, fast singendem Ton: „….der alte Petrosjan….“ und wir konnten seine schönen Analysen beim anschließenden gemütlichen gemeinschaftlichen Essen genießen. Seine angenehm-liebenswürdige und gesellige Art, die auch seine begleitende Frau Helga stets an den Tag legte, war auch während der zahlreichen internationalen Wochenendturnieren (incl. der legendären 10-Städte-Turniere) spürbar, wo wir immer viel Spaß hatten. Auch nach dem Tod ihres Mannes ließ Helga Walter den Kontakt zum Schachverein nicht abbrechen und besuchte als Zuschauerin gelegentlich die Hemeraner Stadtmeisterschaften. Unvergesslich positiv in Erinnerung geblieben ist allen Teilnehmern ihre Begleitung als guter Geist der Mannschaft zum 10-Städte-Turnier 2016 in Eupen. (s. Bericht unter der Rubrik „10-Städte-Turniere“ der Homepage).

Beide Söhne, Frank und Anjo Walter spielten in der Jugend einige Jahre. Frank wurde Anfang 1970 Schülerstadtmeister und sein Vater gleichzeitig Stadtmeister bei den Senioren. Diese Stadtmeisterschaft, die im September 1969 begann, war mein erstes Turnier, dessen Ankündigung ich zufällig im IKZ gefunden hatte. Daraufhin hatte ich meinen älteren Bruder Hans-Peter animiert, mit mir daran teilzunehmen. Zunächst meinte er, da würden ja ausschließlich ‚Profis‘ spielen, gegen die wir keinerlei Chancen hätten. Schließlich gab er meinem hartnäckigen Wunsch nach und wir wurden bereits wenig später Vereinsmitglieder (damals unter Jugendtrainer Herrn Barsch, der uns ‚köderte‘, unter anderem für die beiden Jugendmannschaften). In dieser Stadtmeisterschaft konnte ich gegen Frank gewinnen, verlor aber in meiner allerersten Turnierpartie gegen seinen Bruder Anjo. Mit jeweils einem Verlustpunkt mussten Frank und ich im Januar 1970 eine Stichkampfpartie spielen, die Frank gewann. Diese Partie habe ich beigelegt, um zu zeigen, wie früher Jugendschach „aussah“. Vielen Jugendlichen in unserem Verein wurde zunächst die Italienische Eröffnung beigebracht, weil diese die Anfänger recht klar in das Thema „Entwicklung“ und „Taktik“ einführt. Mit Hans-Peter spielte ich viele Jahre gemeinsam in der ersten und zweiten Seniorenmannschaft. Einige Jahre später gesellte sich im Jugendschach auch noch mein jüngerer Bruder Uwe eine Zeitlang dazu.

Familie Schumacher ist die nächste bedeutsame Familie: die beiden Brüder Rudi und Willi Schumacher und Willis Tochter Christa, die eine Zeitlang in der Jugend spielte. Rudi hat wie Hans Walter zahlreiche vereinsinterne Titel errungen. Jahrzehntelang belegte er sehr erfolgreich das erste Brett der 1. Mannschaft. Sein Bruder Willi spielte viele Jahre an Brett 3 und erwies sich als „Remiswand“, den keiner bezwingen konnte. Später zog er sich mit einigen anderen in die Jahre gekommenen Stammspielern der Ersten in die dritte Mannschaft zurück, die sehr erfolgreich spielte und wie unsere Dritte heute den Aufstieg in die Bezirksliga schaffte. Die mannschaftsinterne Aufstiegsfeier, die bei dem unvergesslichen Heinz Ahrens stattfand und wo ich als einziger „mannschaftsfremder“ Spieler aus der Ersten eingeladen worden war, habe ich in bester Erinnerung. In der Saison 1993/94 vollbrachte die 3. Mannschaft dann ein vereinshistorisch nie wieder erreichtes Kunststück: Sie wurde Meister der Bezirksliga und stieg in die Verbandsklasse auf! Sie machte dadurch den gleichzeitigen Abstieg der Zweiten aus der Verbandsklasse wett.

Zurück zu Rudi: Ohne Rudi, der sich - wie Andreas Jagodzinsky heute – jahrzehntelang intensiv um die schachliche Nachwuchsarbeit im Jugendbereich kümmerte, hätte ich an vielen Einzelturnieren nicht teilnehmen können. Jeden Karfreitag beispielsweise nahm er mich in meinen Jugendjahren zum Verbandsblitzturnier mit, wo ich Erfahrungen gegen starke Spieler sammeln konnte. Rudi pflegte einen soliden positionell angelegten Spielstil, der bei passender Gelegenheit die taktische Überraschung bereit hielt. Nach dem Aufstieg in die NRW-Liga 1981 meinte Rudi ermahnend zu mir: „ Du wirst doch jetzt in der NRW-Liga nicht mehr das Morra-Gambit spielen!?“ Neben Rudis Spielkunst war auch sein „schnittiger“, risikoreicher Fahrstil legendär: Ich erinnere mich an eine „Höllenfahrt“ sonntags nach Rheda-Wiedenbrück, bei der wegen einer samstäglichen Aufstiegsfeier für Wilfried Sirringhaus, Hermann Carnein und mich die Anfahrt qualvoller war als das anschließende Blitzen gegen die starke Gegnerschaft auf NRW-Ebene.

Kommen wir nun zu den beiden Brüdern Bernd und Michael Kistner, die beide leider viel zu früh gestorben sind. Bernd war eine Seele des Vereins. Seine Liebe zum Schachspiel und seine ausgesprochene Geselligkeit waren ansteckend und sorgten für unvergessliche Erlebnisse, die sich nicht nur auf die vielfältigen Wochenendturniere erstreckten. Er kümmerte sich aufmerksam um die Vereinshistorie und verfasste mancherlei Berichte für Jubiläumszeitschriften. Er spielte viele Jahre in der ersten und zweiten Mannschaft und war bei vielen Gegnern wegen seines aggressiv-taktischen Spielstils gefürchtet. Seine Partien gegen mich ohne ein Gambit waren undenkbar, auch wenn wir selbstironisch nach jeder Partie „gelobten“, endlich mal „positionell“ zu spielen. In unserer Studienzeit trafen wir uns auch gelegentlich im Dortmunder Kreuzviertel zum Schachspielen, wo er in der Nähe der gemütlichen Kneipe „B-Trieb“ wohnte. Sein Bruder Michael kam etwas später zum Verein und erwies sich als Riesenverstärkung für die NRW-Liga Saison 1981/82, in der er nach Herbert Cloosters (7 Punkte aus 9 Partien) mit 6,5 aus 9 zum zweitbesten Spieler der Mannschaft avancierte.

 

Als letzte Familie in meinem Bericht nenne ich die Familie Zielert, Günter Zielert und sein Sohn Detlef Zielert. Günter war jahrelang erfolgreicher Stammspieler der ersten Mannschaft und eine gefühlte Ewigkeit Vorstandsmitglied als Vereinskassierer. Er zeichnete sich wie sein Sohn Detlef durch eine bescheiden-ruhige, umgängliche Art aus. Detlef war viele Jahre Spieler der ersten und zweiten Mannschaft, engagierte sich sehr für die Jugendarbeit incl. des Frauenschachs. Zudem war er Spielleiter im Verein und Turnierleiter der Hemeraner Stadtmeisterschaften.

Bilder stammen vom IKZ. Draufklicken und vergrößern, dann sind die Artikel gut zu lesen!

Vor 50 Jahren: Südwestfalenmeisterschaft in Hemer

(Ein Bericht von Reiner Klüting, 25. 9. 2020)

 

Normalerweise hätte in diesem Monat die neue Saison begonnen; aber erst im nächsten Jahr werden die restlichen Mannschaftskämpfe durchgeführt werden. Immerhin startet ab dem kommenden Sonntag (27. 9. 2020) die Jugend ihre restlichen Kämpfe, die Anfang November beendet sein werden. Es beginnt die erste Jugendmannschaft mit einem Nachholheimspiel in der NRW-Liga gegen Blauer Springer Paderborn, in dem sie ihre Aufstiegschancen in die Jugendbundesliga bewahren will.

Etwas überbrücken möchte ich die noch lange Zeitspanne bis zur Fortsetzung der Mannschaftssaison der Senioren 2019/2020 mit einem kleinem Rückblick auf die Südwestfalenmeisterschaft, die vor gut 50 Jahren 1970 im Hotel Lindenhof in Hemer stattfand.

Neben dem damals 20jährigen Andreas Reinhardt, der den Ausrichterfreiplatz zugesprochen bekam, hatte Hans Walter die Qualifikation durch den Bezirksmeistertitel erreicht. Auch der heute 87jährige Erich Weyrauch, gegen den Timo Leonard im letzten Mannschaftskampf dieses Jahres (im März) nach zähem Kampf gewonnen hatte und damit maßgeblich das Mannschaftsremis gesichert hatte, nahm an diesem Turnier teil. Dass Weyrauch in diesem hohen Alter noch immer eine scharfe Klinge mit seinem Gegner kreuzen kann, zeigt seine aktuelle Punkteausbeute in der Verbandsliga: 4 Punkte aus 7 Partien!

Für mich war diese Verbandsmeisterschaft das erste größere Turnier, bei dem ich ausgiebig kiebitzen konnte. Mir gefiel insbesondere der aggressive Spielstil von Andreas, der seine Partien auf Biegen und Brechen anlegte und kein einziges Mal Remis spielte. Andreas, der seit April 1964 Mitglied im Schachverein Hemer ist, verlor trotz aufopferungsvollen Kampfes die ersten 3 Partien. Danach hatte er sich akklimatisiert und trumpfte mit 3 Gewinnpartien hintereinander auf. Beim Stande von 3:3 hatte er gegen Weyrauch in der 7. Runde bereits in der Eröffnung einen gewinnverheißenden Qualitätsvorteil, verlor aber noch und konnte seine Aufholserie nicht mehr fortsetzen. Nichtsdestotrotz war sein Abschneiden als ‚Benjamin‘ des Turniers ein großer Achtungserfolg.

Claus Rupp aus Siegen gewann überlegen und ungeschlagen das Turnier.

Die Endtabelle:

  1. Rupp 7,5 – 1,5

  2. Soennecken 6 – 3

  3. Bachmann 5,5 – 3,5

  4. Ogrzall 5 – 4

  5. Weyrauch 5 – 4

  6. Walter 5 – 4

  7. Bukowski 4,5 – 4,5

  8. Kill 3,5 – 5,5

  9. Reinhardt 3 – 6

  10. Röttger 0 – 9

 

Die Plätze 4-6 wurden nach der Sonneborn-Berger Wertung vergeben.            


Welcher Weg führt nach Rom?“ – Erinnerungen an eine legendäre Schachpartie

(Ein Bericht von Reiner Klüting, 21. 4. 2020)

 

Unser erster historischer Streifzug führt uns in das Jahr 1977, dem Geburtsjahr unseres jetzigen Vorsitzenden Andreas Jagodzinsky. Am 20. 11. 1977 wurde im damaligen Vereinslokal, Gaststätte (und Hotel) Lindenhof die wohl längste (zumindest zeitlich längste) Partie der Vereinsgeschichte zwischen Graf (SV Gevelsberg) und Andreas Reinhardt am 5. Brett in der Verbandsklasse gespielt. Bei diesem Bericht greife ich auf viele detailreiche Erinnerungen von Andreas zurück.

Die Aufstellung der ersten Mannschaft war damals folgende:

  1. Hans Walter

  2. Wilfried Sirringhaus

  3. Herbert Cloosters

  4. Rudi Schumacher

  5. Andreas Reinhardt

  6. Reiner Klüting

  7. Curt Kleinmichel

  8. Alfred Wolschendorff (damaliger Vorsitzender des Vereins)

Nach einem Start mit 2 Siegen gegen Arnsberg (7-1) und Schwerte (wie zu allen Zeiten hart umkämpft, 4,5-3,5), ging es darum, den Spitzenplatz zu verteidigen. Üblicherweise wurde in der dritten Runde und am letzten Spieltag bis zur Entscheidung gespielt, d. h. „Hängepartien“ waren nicht gestattet.

Für unsere jüngeren Leser/Innen sei ein kurzer Exkurs erlaubt. Bis Mitte der 90er Jahre (s. hierzu auch einen Wikipedia-Artikel zum Begriff ‚Hängepartie‘) wurde nach 5 Stunden Spielzeit (Modus: 50 Züge mit 2,5 Stunden Bedenkzeit, danach 20 Züge mit je einer Stunde Bedenkzeit usw.) die Partie unterbrochen. Der Spieler, der am Zug war, notierte seinen nächsten Zug, den Abgabezug, geheim und verbindlich auf seinem Partiezettel, der zusammen mit dem Partieformular des Gegners in einen Umschlag gesteckt wurde. Auf dem Umschlag wurden verbrauchte Bedenkzeiten, evtl. Remisangebote, Stellung und Zeitpunkt/Ort der Wiederaufnahme der Partie notiert. Direkt danach fand eine sogenannte „Abschätzung“ der Partie unter Beteiligung beider Mannschaftsführer und mitanalysierender Spieler statt. Erwies sich das Ergebnis dieser Abschätzung als eindeutig (mit Zustimmung beider Mannschaftsführer), trug man es gleich in die Wettkampfberichtskarte ein. Einigte man sich nicht, wurde der Verbandsspielleiter informiert, der dann über die Abschätzung entschied und den beteiligten Vereinen dies mitteilte. Wenn ein Verein nicht einverstanden war, protestierte er gegen das Abschätzungsergebnis und mußte dann zur Fortsetzung der Hängepartie eine oder zwei Wochen später zum Gegner reisen.

Zurück zum Mannschaftskampf: Wir führten 3,5 – 1,5, als Andreas Reinhardt in vorteilhafter Stellung seine Dame einbüßte. Dies veranlasste Curt Kleinmichel, der einen Bauern weniger hatte, zu der Bemerkung: „Jetzt bin ich auf einmal am wenigstens kaputt.“ Aber auch Curt konnte nicht verhindern, dass es kurze Zeit später 3,5 – 3,5 stand, während Andreas sich weiterhin zäh verteidigte. Sein Gegner unterließ manchen Mattangriff; es entstand eine Stellung mit Dame und Turm gegen 2 Türme. Im 58. Zug belohnte sich Andreas nicht für seinen aufopferungsvollen Kampf und übersah eine zwingende Remisvariante. Wenig später entstand dann das Endspiel Dame gegen Turm, dem die klassische Endspiellehre von Euwe eine ausführliche Analyse widmet.

Nachdem uns der Wirt Heinz Drees mit Hinweis auf die Öffnungszeiten bereits mehrfach ermahnt hatte, zu einem Ende zu kommen, wurde die Partie nach 10,5 Stunden um 0.30 Uhr unterbrochen. Da ihm das weitere Prozedere – nämlich die nun verpflichtend beginnende Abschätzung der Partie – nicht geläufig war, wurde er immer ungeduldiger und rief uns zu: „Ihr könnt ja auf dem Bürgersteig weiter Schach spielen!“ Seit diesem Moment etablierte sich in der studentischen Fraktion der Mannschaft für längere Zeit das geflügelte Wort „Bürgersteigschach“, das eine etwas minderwertige Spielanlage bezeichnete.

Die abschätzende Analyse nach dem Ritual der Notation des Abgabezuges durch Andreas ergab dann um ca. 1.00 Uhr eine Gewinnstellung für Graf, die vom Verbandsspielleiter als Sieg gewertet wurde. Natürlich legten wir gegen die Entscheidung Protest ein, da sich Andreas berechtigte Hoffnungen machte, die 17 noch fehlenden Züge für die 50-Züge-Regel noch zu überstehen.

In Gevelsberg kam es eine Woche später zum Showdown. Je mehr nach dem letzten Figurentausch (Schlagen eines Bauerns im 75. Zug) sich die Partie dem 125. Zug näherte, umso nervöser wurde Graf. Zwischendurch murmelte er – ganz im Sinne der Euwe-Analyse – „Welcher Weg führt denn nach Rom?“ Wir wissen nicht genau, ob er dieses Standardwerk von Euwe kannte oder diese Bemerkung nur eine kurios-zufällige Übereinstimmung mit dem Hinweis von Euwe zu diesem speziellen Endspiel war:

Der Leser wird vielleicht Zweifel hegen, ob er überhaupt imstande sein wird, ein Dame-Turmendspiel zum Erfolg zu führen. Er möge aber bedenken: einmal führen viele Wege nach Rom, beinahe alle…“ (Sammelband Max Euwe, Das Endspiel, Hamburg 1958, Bd. 4, Figuren gegen Figuren I, S. 44)

Auf jeden Fall hatte Andreas bei seiner Vorbereitung auf die Fortsetzung der Hängepartie auch diese Analyse von Euwe studiert.

Als Andreas den 124. Zug ausführte, sprang Graf wie von einer Tarantel gestochen auf und rief: „Du hast vergessen, ‚Remis‘ zu beanspruchen! Jetzt beginnt die 50-Züge Regel von neuem!“ Der gegnerische Mannschaftsleiter und unser Mannschaftsführer Wilfried Sirringhaus verdrehten die Augen und schüttelten den Kopf. Als besonderen Gag führte Andreas seinen 124. Zug aus und reklamierte nach Grafs 125. Zug eine dreimalige Stellungswiederholung.

Somit endete nach insgesamt 11,5 Stunden Spielzeit diese legendäre Partie, die uns ein 4-4 rettete und am Ende der Saison souverän mit 13 – 1 Punkten in die Verbandsliga aufstiegen ließ.

 

Übrigens: Die vermutlich zeitlich zweitlängste Partie (9 Stunden, 87 Züge) wurde 1984 - auch in einem Mannschaftskampf – von unserer Schachlegende Hans Walter bestritten.

 

Hier geht es, genau wie an der rot markierten Stelle zur Partie...


Die Geschichte ist eine Mühle, worin die Lebendigen zu arbeiten glauben, die Geister aber die Arbeit verrichten. Wie sich die übermütigen Zwerge, die im Sonnenschein herumhüpfen, auch anstrengen mögen, die toten Riesen, die aus der Ewigkeit in unermeßlichem Zuge hervorschreiten, machen sie zu unnützen Knechten und schauen mitleidig auf ihr Gezappel herab.“ (Friedrich Hebbel)

 

Vereinsgeschichte

(Einige Bemerkungen zur neuen Rubrik von Reiner Klüting, 14. 4. 2020)

 

Der SV Hemer feiert in 2 Jahren sein 90jähriges Jubiläum und hat in seiner Vereinsgeschichte Höhen und Tiefen erlebt. Gegenwärtig erleben wir sicherlich einen herausragenden Höhepunkt mit dem Aufstieg der Frauenmannschaft in die Bundesliga. Der größte und gefährlichste Gegner von möglichen weiteren Aufstiegen in dieser Saison wäre das Coronavirus, das einen vorzeitigen Saisonabbruch ohne Auf- und Abstiege verursachen könnte. Kleiner Trost: Wenigstens unsere 2. Jugend- und 3. Seniorenmannschaft könnten hiervon profitieren.

Diese Rubrik möchte an interessante Ereignisse und Erlebnisse sowohl aus der älteren als auch der jüngeren Vereinsgeschichte erinnern, wobei auch Raum für kleinere Anekdoten (incl. Schachsprüche und –Zitate) geschaffen werden soll. Jedes Vereinsmitglied und natürlich auch Exmitglieder und Freunde des Vereins könnten hier kurzweilige Beiträge veröffentlichen. Sicherlich werden auch manche Beiträge an dieser Stelle für Überraschungen sorgen, die ich natürlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht verraten werde…

Ein besonderer Dank geht vorab an Andreas Reinhardt, der sehr viele Zeitungsartikel gewissenhaft gesammelt hat und dem Verein zur Verfügung gestellt hat. So wird mancher Bericht aus den Informationen dieser Zeitungsartikel generiert werden können. Zudem kam durch das Lesen von einigen Artikeln manche vergessene Erinnerung zurück ins Gedächtnis.

Das Schachspielen im Internet (incl. der gerade beendeten spannenden Vereinsmeisterschaft) hilft uns, die größere Zwangspause des Spielbetriebs zu überstehen, so dass folgendes, zugegebenermaßen pathetisches Zitat (1924) von Massimo Bontempelli, gefunden in der „Schachphilosophie“ von Josef Seifert (Darmstadt 1989, S. VII) zutreffen könnte:

 

„…wenn die Welt ins Chaos zurücksinken…wird, wird das Schachspiel bleiben,…Denn dieses Spiel hat an der Ewigkeit der Ideen teil.“